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Lesenswert: Produktivität und Tod

Veröffentlicht am | 31. 07. 2010 | Noch kein Kommentar

Liebe Grüße aus meinem griechischen Büro – Die Euro-Krise schwor in Deutschland das Bild der faulen Griechen herauf. Schweizer Journalisten machten sich auf nach Griechenland, Italien und Spanien, um herauszufinden, was dran an ist, am dem Vorurteil der faulen Südländer. 

Sicher ist nur eines: Die kulturellen Bedingungen, die ein Land bestimmen — seine Traditionen, die Konfessionsgeschichte, die politische Geschichte, ja selbst die geografischen Bedingungen —, all dies prägt die Mentalitäten, und all dies hat einen Einfluss auf den wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg. (…) Die dramatischen Unterschiede bei den Fortschritten verschiedener Entwicklungsländer scheinen die These zu bestätigen. Warum hat Asien während der letzten zehn Jahrzehnte einen so beeindruckenden Schritt nach vorne machen können, während der afrikanische Kontinent in weiten Teilen stagniert? Warum konnte Südkorea in vier Jahrzehnten zu einem prosperierenden Land werden, während Ghana bis heute ein Entwicklungsland geblieben ist?

Doch so einfach darf man es sich nicht machen. Sie berichten von einem gewaltigen griechischen Staatsapparat, den jede neue Regierung weiter ausweitete, dem jedoch irgendwann die Arbeit ausging und so anfingen, alles zu regulieren, von spanischem Tourismus und den Unterschieden zwischen Norditalien und dem Süden des Landes. 

Warum starb Susan Waade?Nochmal Griechenland: Eine junge Frau wird tot in ihrer Wohnung in Athen aufgefunden. Die Polizei geht anfangs von Selbstmord aus, irgendwann versanden die Ermittlungen. Die in Deutschland lebende Mutter wandte sich an den Journalisten Michalis Pantelouris, der Sache nachgehen will und zwar in Form einer Live-Reportage. Am 21. Juli wird er von Deutschland nach Griechenland reisen und recherchieren wie es zu dem Tod Waades kam und alle seine Erkenntnisse, Dokumente, Aufzeichnungen quasi in Echtzeit online stellen – ohne Wertung.

Warum erzählt man diese traurige Geschichte nicht ausufernd und kompliziert, warum gibt man nicht allen Lesern, die es interessiert, die Möglichkeit, sich ein Bild zu machen, ohne sich vorher zu entscheiden? Ohne es vorher in Rahmen zu pressen wie “Skandal” oder “menschliche Tragödie”? Warum berichtet man nicht das, was man herausfindet, während man es herausfindet, egal, wie wichtig oder nebensächlich das jetzt für irgendeine These ist? Das Internet gibt uns die Möglichkeit, warum probieren wir es nicht aus?

Einer spannendes Konzept, das bei der Neon verfolgt werden kann.

Bei Regen kommt der Tod – Seit 30 Jahren sterben in der chinesischen Provinz Yunnan im Sommer immer wieder Menschen. Junge, alte, Kinder; manche schnell, andere langsamer. Keiner konnte sich erklären warum und schnell gab es einen Mythos um das “Yunnan Sudden Death Syndrome”. Doch in den vergangenen Jahren kamen Mediziner auf die Spur des rätselhaften Todes: Bei vielen Opfern fanden sich Spuren eines Pilzes, “dem kleinen Weißen”. Es überrascht mich, dass niemand wusste, dass der Pilz giftig ist und es überhaupt noch kaum erforschte Pflanzen gibt. 

Wir tun nicht, was wir wissen

Veröffentlicht am | 06. 04. 2010 | Noch kein Kommentar

Was passiert  in 10, 20 oder 50 Jahren? Wie sieht unsere Zukunft aus? Welchen Einfluss hat die Zukunftsforschung überhaupt und warum gibt es in Politik und Wirtschaft kaum langfristiges Denken? Der Soziologe und Zukunftsforscher Rolf Kreibich beantwortet dazu Fragen in der aktuellen Ausgabe des Fluters zum Thema "Zukunft".

Ein Ausschnitt aus dem Interview "Wir tun nicht, was wir wissen".

Bisher galt ein Land als gesund, wenn die Wirtschaft wächst. Momentan tut sie das nicht. Ist ein immerwährendes Wachstum überhaupt realistisch und auch in Zukunft der richtige Gradmesser für die Gesundheit einer Volkswirtschaft?
Es gibt nicht eine Größe auf der ganzen Erde, die immer nur wächst. Das ist eine abstruse Geschichte. Ich war Mitglied in der Deutschen Delegation bei der Rio-Konferenz 1992, bei der zum ersten Mal Umwelt- und Wirtschaftsfragen im globalen Rahmen erörtert wurden. Schon damals haben wir den Begriff »Entwicklung« eingeführt. Die Erde entwickelt sich, aber
sie wächst nicht ständig. Es geht nicht um schiere Größe, sondern um ein Gleichgewicht zwischen Natur und Mensch. Wir können uns die ganze Menschheitsentwicklung anschauen:Es hat immer Wachstum und Schrumpfung gegeben, aber wir sind aus dem Gleichgewicht rausgesprungen. Wir müssen schauen, dass wir wieder hineinkommen. Dieser Wachstumsfetischismus hat uns ja die ganze Zerstörung der Lebensräume eingebrockt und dennoch beharren manche Leute darauf. Dabei hat die Lebensqualität seit 1976 trotz Wachstum auch in den Industrieländern abgenommen.

Was wollen wir denn mit dem Wachstum? Werden wir 2020 weiter sein?
Wir sind ja eigentlich schon ziemlich weit. Aber wir tun nicht, was wir wissen.Wir müssen die guten Ansätze weiterverfolgen.Die Erkenntnisse der Nachhaltigkeitsforschung liegen auf dem Tisch, in Berichten der UN stehen hervorragende Perspektiven und Anweisungen zum Handeln – nur, umgesetzt werden vielleicht fünf Prozent davon.

Wie wichtig ist der einzelne Bürger in diesem Prozess?Sehr. Aber wenn ich das Verhalten der Menschen betrachte, habe ich ein ambivalentes Gefühl. Wir haben gute Ansätze im Bereich des bürgerschaftlichen Engagements, in Verbraucherorganisationen oder NGOs. Wenn wir diesen individuellen Enthusiasmus nicht hätten, dann wären wir schon an die Wand gefahren. Die eigentlichen Innovationen
in der Gesellschaft kommen fast nur aus diesem Bereich. Andererseits gibt es viele Menschen, denen die Zukunft völlig egal ist. Wenn ich diese riesigen SUVs sehen, denke ich immer: Ja, sind wir denn in der Atacama-Wüste? Die verbrauchen zwischen 18 und 24 Liter Benzin, aber die Besitzer kaufen ihre Lebensmittel beim Biosupermarkt. Da verliert man den Glauben an den Verstand der Leute.

Kann die Zukunftsforschung dazu beitragen, die Gesellschaft mitzugestalten?
Unternehmen und Politiker erkennen allmählich, wie wichtig der Blick in die Zukunft ist. Wir können die Zukunft nicht voraussagen, aber wir wissen mehr darüber, als viele Menschen glauben. Dennoch benötigen wir noch mehr Akzeptanz. Es gibt vielleicht fünf oder sechs Institute wie uns, keines davon wird öffentlich gefördert. Aber es gibt in Deutschland über 3.000 Institutionen, die sich wissenschaftlich mit der Vergangenheit beschäftigen

Die Links zum Sonntag

Veröffentlicht am | 28. 03. 2010 | 1 Kommentar

Heute mit: Zwei Toten und chinesischer Feierei.

Willkür vs. Rechtsstaat Vor fast einem Jahr wurde in Regensburg Tennessee Eisenberg mit zwölf (!) Schüssen von der Polizei erschossen. Aufgrund einseitiger Ermittlung legte die Familie des Toten Beschwerde beim Oberlandesgericht Nürnberg ein, das das Verfahren vor wenigen Tagen einstellte. “Die Verteidigung einzelner Beamter wiegt also selbst für ein Oberlandesgericht stärker als die objektive Aufklärung dieses Falles”, schreibt dorager und fasst die Ungereimtheiten und Ermittlungsergebnisse zusammen.

“Das war 100 Prozent in Ordnung” Vor wenigen Wochen ermordeten Angehörige des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad einen Hamas-Terroristen in Dubai. Das Interview mit einem israelischen Schriftsteller Yishai Sarid zeigt die israelische Position zu dem Mord. Auch lesenswert: Die Kommentare, die die Argumentation Sarids auseinandernehmen um den Konflikt zwischen Israel und Palästina.

Ein Mord wird in Israel leichter akzeptiert als in Europa?
Das war kein Mord. Technisch vielleicht schon, aber im Krieg spricht man nicht von Mord. Viele demokratische Länder, auch europäische, führen heute Krieg und töten Menschen. Niemand nennt das Mord.

Israel befindet sich also im Krieg?
Natürlich. Es ist seit seinem Entstehen in einem permanenten Kriegszustand. Auch wenn nicht ständig gekämpft wird, besteht doch eine ununterbrochene Bedrohung seiner Existenz. Ich bin ein Linker, ich schreibe ein Buch über die Grausamkeiten der israelischen Geheimdienste, aber trotzdem würde ich deren Arbeit wegen der existenziellen Bedrohungslage Israels nie in Zweifel ziehen. Denn die Tatsache, dass es viele Nationen und Organisationen in dieser Gegend und anderswo gibt, die uns hier nicht haben wollen, steht leider ausser Frage.

Mit der Begründung, es gehe um Leben oder Tod Israels, lässt sich alles entschuldigen?
Mahmud al-Mabhuh, der in Dubai liquidiert wurde, war zwar kein besonders grosser Fisch, aber Teil der Terrormaschine und als solcher eine direkte Bedrohung Israels. Man kann darüber diskutieren, ob das Attentat sonderlich geschickt ausgeführt wurde, ob man dafür so viele Agenten aufs Spiel setzen musste. Aber die Tat selbst ist in meinen Augen hundertprozentig in Ordnung.

Zhang Xiao / They: “Zhang Xiao fotografische Sammlung ‘They’ gibt überraschende Einblicke in die chinesische Altagskultur mit einem Schwerpunkt auf Festen jeglicher Art. Zu sehen ist ein erstaunliches Nebeneinander von Fortschritt und Tradition und – mit europäischem Auge gesehen – von Vertrautheit und Fremdheit”, schreibt das Abseits Magazin.

Irreal und wahnhaft

Veröffentlicht am | 27. 03. 2010 | 1 Kommentar

Der Iran und Venezuela gelten als die Vorreiter des sogenannten Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Das führt mitunter zu abstrusen Situationen: Hugo Chavez, der kein Muslim ist, hofft während einer Pilgerfahrt im Iran auf eine Wiederkehr des Mahdi. Mahmud Ahmadinedschad sagt, dass das Ende des dunklen Zeitalters gekommen sei, aber der Iran bereit sei nach dem Zusammenbruch des Imperialimus das Vakuum zu füllen. "Die Globalisierung des Madhi" ist das  Vorwort zum Buch "Verratene Freiheit – Der Aufstand im Iran und die Antwort des Westens" zeigt klar auf, dass dieser sogenannte "Dritte Weg" eine Sackgasse ist. Ein lesenswerter Essay über den Iran seit der Revolution, Rebellion innerhalb des Landes und die wahnwitzigen Ideen seiner Führer. Ein kleiner Auszug:

Erst dieser Sozialismus des 21. Jahrhunderts ermöglicht es dem nach der Bombe strebenden Iran, jene Führerschaft zu übernehmen, die Khomeini einst vorschwebte. Diese Führerschaft ist natürlich hochgradig irreal und wahnhaft; dafür reicht bereits ein Blick in die Region: Nie zuvor hatte der Iran so viele Feinde an seinen Grenzen, nie zuvor war er so unbeliebt und zugleich in einer so tief greifenden inneren Krise. Jene im strengen Wortsinn konservativen Ayatollahs in Qom, die unermüdlich vor einer Verweltlichung des Anliegens der "Islamischen Republik" warnen und längst mit den Machthabern in Teheran zerfallen sind, haben von diesen Veränderungen eine deutliche Ahnung. Ahmadinedschad nämlich ist doch gar kein Führer der islamischen Massen mehr – denn diese haben ihm in Teheran bei der ersten sich bietenden Gelegenheit eindrucksvoll gezeigt, was sie von ihm halten. Er kann nur als Sozialist des 21. Jahrhunderts verstanden werden, er will es auch – und seine Anhänger sitzen zuallerletzt im Iran.

Verband man früher mit Sozialismus noch den großen Wurf in der Zukunft, den Fetisch von Moderne und Naturbeherrschung um jeden Preis, gepaart mit jener unappetitlichen Verherrlichung der Arbeiter und Bauern, so fußt heute der "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" im besten Fall auf der Distribution von Erdölrente unter Menschen, denen Patronage und Klientelismus aufgezwungen werden. Und wer nicht mitakklamieren will, der sitzt wie gehabt im Gefängnis oder im Exil. Nicht einmal das Bild einer potenziell strahlenden Zukunft hat einer dieser großen Führer dabei noch zu bieten. Im Gegenteil: Das einzige Versprechen, das sie ihren aufgepeitschten Anhängern wirklich zu geben haben, heißt Vernichtung – die eben auch eine Art der Erlösung ist. Denn anders sind jene Verheißungen nicht zu verstehen, die in einem immer schnelleren Rhythmus aus Teheran oder Caracas kommen: Wenn erst die Herrschaft von Imperialismus und Zionismus gebrochen ist, dann erscheint der Mahdi, geht die Sonne auf, kommt die Herrschaft der ach so zärtlichen Völker. Mit Kritik an Kapitalverhältnissen hat dies alles nicht das Geringste zu tun; an die Stelle von Marx sind Mohammed, der Mahdi und ein Avatar von Simon Bolivar getreten.

Crossing California von Adam Langer

Veröffentlicht am | 20. 03. 2010 | Noch kein Kommentar

Crossing California erzählt die Geschichte dreier Familien, die in West Rogers Park, einem jüdisch-afroamerikanischen Viertel in Chicago Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre leben.

crossingcalifornia Die Rovners sind eine gut situierte jüdische Familie, der Mann Arzt, die Frau Psychologin. Doch eigentlich leben sie alle nebeneinander her. Die Eltern haben sich eigentlich nichts mehr zu sagen und ihre Hochzeit nur Folge von Ellens Schwangerschaft (außerdem vermutet Ellen, dass ihr Mann eigentlich schwul sei). Larry, der Sohn, arbeitet wie verrückt an seiner Rockkarriere mit jüdisch-orthodoxen Songs und seinem ersten Geschlechtsverkehr, zumindest auf amerikanischen Boden (während einer Reise nach Israel wurde er überraschend entjungfert). Seine jüngere Schwester Lana, rassistisch und egomanisch, will einfach um jeden Preis Aufmerksamkeit.

Jill, Michelle und ihr Vater Charlie Wasserstrom versuchen sich mit ihrem Leben zu arrangieren, seitdem die Mutter/Ehefrau tot ist. Charlie versucht die Familie mit schlecht bezahlten Jobs in Restaurants über Wasser zu halten. Michelle, 16 Jahre alt, will Schauspielerin werden und vertreibt sich mit Saufen, Kiffen und Ficken die Zeit, während die 12-jährige Jill sich vor allem mit Politik und beschäftigt und ihren Vater ihre Bat-Mizwa auszureden versucht.

Und dann gibt es noch Muley Wills. Er lebt mit seiner Mutter und versucht durch Preisausschreiben, Mal-, Foto- oder sonstigen Wettbewerben für Kinder und dem Bauen von Radios genug Geld zusammenzubekommen, damit seine Mutter ihren Collegeabschluss nachholen kann und nicht weiterhin als Putzfrau bei den Rovners arbeiten zu müssen.

Der Hintergrund von Adam Langers Roman sind die 444 Tage der Geiselnahme von Teheran, von November 1979 bis Januar 1981, was aber keine Rolle spielt, außer, dass es einen zeitlichen Rahmen vorgibt. Im Mikrokosmos der California und Western Avenue ist jeder Protagonist mittelbar oder unmittelbar mit allen anderen verbunden: Die Mutter Muleys ist Putzfrau bei den Rovner, Jill und Lana kennen sich aus der hebräischen Schule, Charlie lernt Gail kennen, die Ex-Frau des Komikers Lennie, mit dem Muley bei einer Radiosendung arbeitet usw usf.

Die Erlebnisse der Rovners, Wasserstroms und Wills’ sind eigentlich ganz banal und gerade deshalb so realistisch. Langer beschreibt das mit mit einer Menge Witz und beiläufigen Bemerkungen, die mich sehr oft zum Schmunzeln oder gar lautem (!) Lachen gebracht haben. Auf dem Buchrücken steht: “Wer Franzens Korrekturen mochte, wird Langer lieben”. Es wird also Zeit, dass ich “Die Korrekturen” lese.

Hier noch ein wahllos ausgewähltes Zitat:

“Straight Arrow, wie er sich von den Schülern gern nennen ließ, ein ehemaliger Wettkampfschwimmer, stammte aus Bourbonnais unten im Süden von Illinois und galt, obwohl er erst vierundzwanzig war, als begabtester Trainer an der Mather. Was jedoch Gesundheitslehre betraf, so schien er sehr viel weniger von Drogen und Sex zu wissen als seine Schüler, obwohl er schon Vater dreier Söhne war. Mit seinem unschuldigen Bauernjungenlächeln und den ständig wechselnden, mit erbaulichen Sprüchen bedruckten T-Shirts (“Gott mit uns”, “Frag nach Gott” oder “Gott kommt zu dir”) war er für die Klasse voller Pot rauchender, Cheap Trick hörender, vögelnder und/oder onanierender Juden und Katholiken eine unerschöpfliche Quelle des Staunens und Vergnügens.”

Adam Langer, Crossing California

Lesenswert: Politikverdrossenheit, Populismus und schiefe Vergleiche

Veröffentlicht am | 14. 03. 2010 | Noch kein Kommentar

Die Empörungsgesellschaft – Politisches Desinteresse in der Mitte der Gesellschaft angekommen: "Politiker sind grundsätzlich faul und korrupt. Warum denn zur Wahl gehen? Die sind doch sowieso alle gleich!" 51Prozent aller Bürger sind mit der demokratischen Regierungsform unzufrieden. Franz Walter und Michael Lühmann vom Göttinger Institut für Demokratieforschung zeigen die Ursachen und Folgen dieser Politikverdrossenheit auf und kommen zum Ergebnis, dass dagegen nur eines hilft:

"Daher ist das Ziel im Grunde klar vorgegeben: Wenn Ahnungslosigkeit und Politikverdrossenheit miteinander korrelieren und die Wertschätzung demokratischer Verfahren mit der genaueren Kenntnis der politischen Strukturen steigt, dann muss die politische Unkenntnis bekämpft und das Niveau politischer Bildung gesteigert werden."

 

Kleiner Führer für den modernen Populisten – In zwölf Schritten zum Populisten. So einfach geht’s. Beginnen wir zusammen mit Schritt 1: 

Definieren Sie Ihre Zielgruppe. Dabei bietet es sich an, dass Ihre Zielgruppe größer ist als die Gruppe unter Punkt zwei, die zu diffamierende Gruppe. Ist Ihre Zielgruppe kleiner als die zu diffamierende Gruppe, dann sollte sie wenigstens reicher sein.

 

Die hohe Kunst des schiefen Vergleichs – Lerchenbergs KZ-Vergleich auf dem Nockherberg hat eines mal wieder gezeigt: "Es ist dumm, Vergleiche mit dem Dritten Reich anzustellen, sagt die Erfahrung. Weil sich die Diskussion sofort Richtung Drittes Reich verschiebt. Und ein Aufschrei der Empörung folgt, selbstredend."

Lesenswert: Haider und Westerwelle

Veröffentlicht am | 27. 02. 2010 | 1 Kommentar

Die bizarren Klagen von Haiders Lebensmensch -  Der Schriftsteller David Schalko hat einen Roman über einen über Jörg Haider geschrieben, in dem sein Stefan Petzner, Haiders Lebensmensch, eine Rolle spielt. Der hat Schalko jetzt verklagt – und zwar auf Tantiemen. In einem klugen Text schreibt der Autor Schalko über Kärnten, Österreich und die seltsame Klage von Petzner:

Nirgends zählt ein Toter so viel wie in Österreich. Was das über die Mentalität aussagt, sei dahingestellt, Faktum ist: Die Verstorbenen werden in Österreich automatisch für heilig erklärt. So konnte sich Thomas Bernhard nicht mehr gegen die Umarmungen derer wehren, die zu Lebzeiten seinen Landesverweis verlangten. Die Kaiserin Sissi wurde von einer schwer verhaltensgestörten Persönlichkeit zum eigenwilligen, aber charmanten Mäderl verfilmt – gespielt von Romy. Schneider, die Österreich zwar fluchtartig verlassen hatte, um ihre größten Erfolge in Frankreich zu feiern, aber der totalen Vereinnahmung dennoch nicht entkam. Nur Hitler wurde am Ende zum Deutschen erklärt.

 

Was ist eine Westerwelle? Miriam Meckl, Professorin für Corporate Communication, definiert erst, was eine Westerwelle ist: 

[Westerwelle, die] Argumentkonstrukt, das vornehmlich in auf öffentliche Aufmerksamkeit und Erregung ausgerichteten deutschen politischen Debatten verwendet wird und auf kurzfristige Wirkeffekte zielt.

Danach erklärt sie die drei Stufen einer solchen Welle: Exposition, Eskalation und Endphase.

Dazu passt Götz Aly’s Kolummne Westerwelles kleine Welt:

"Vor drei Monaten sagte ich noch: "Regt euch nicht auf! Westerwelle wird sein pubertäres Grinsen ab- und sich die bedeutungsvoll-besorgten Joschka-Fischer-Falten zulegen. Schon ist er ein populärer Außenminister. Das hat noch jeder geschafft. Die wichtigen Dinge der auswärtigen Politik regelt ohnehin die Bundeskanzlerin." Meine Prognose war falsch."

In meinem kleinen Land

Veröffentlicht am | 07. 02. 2010 | Noch kein Kommentar

Jan Weiler ist der Autor von "Maria ihm schmeckt’s nicht". Nach der Veröffentlichung des Buches ging er auf Lesereise durch Deutschland und schrieb darüber: über Hotelzimmer, Züge und Buchhandlungen, Dome (stimmt der Plural?) und Fussgängerzonen. Ein neutrales Urteil über Städte nach nur einem Tag zu fällen, ist natürlich nicht wirklich möglich, aber das macht nichts. Weiler schreibt seine Erlebnisse und Beobachtungen auf und dabei kommt die eine Stadt halt besser weg, als die andere. 

In seinem Vorwort trifft Jan Weiler den Nagel auf den Kopf:

"Man traut es sich beinahe nicht zu formulieren, aber im Großen und Ganzen haben wir es nicht schlecht getroffen.

Dass dieser Befund so schwerfällt, hat mir meiner Generation zu tun. Wir sind kritisch aufgewachsen: konsumkritisch, religionskritisch, politkritisch, kulturkritisch. Unser Land zu mögen finden wir nationalistisch, unsere Sprache peinlich, den Deutschen an sich unerträglich, besonders im Urlaub. Das ist auch sehr ehrenwert, führt aber zu keiner sonderlich tiefen Identifikation mit unserem Land. Ging mir auch so. Aber es hat sich geändert.

Ob ich nach dieser Reise ein Patriot bin? Nein. Aber es gefällt mir hier. Ich bin ganz und gar nicht stolz darauf Deutscher zu sein, aber ich bin es gerne, weil mein Land friedlich ist und schön und weil ich die Deutschen mag, nachdem ich ziemlich viele von ihnen getroffen habe. "

Das Buch habe ich bei meinen Eltern vergessen. Das machte aber nichts, denn immer wenn ich zu Besuch war, habe ich ein paar Kapitel gelesen. Dafür ist genau das richtige: drei oder vier Seiten über jede Stadt. Seitdem weiß ich auch, wo Hildesheim liegt, und Krefeld und dass der "Kleine Feigling" aus Eckernförde kommt.

"In meinem kleinen Land" ist ideal für zwischendurch. Heute ein paar Kapitel, die nächsten erst in Tagen oder Wochen lesen – kein Problem, denn es ist kurzweilig und verdammt witzig. Zum Beispiel der Text über Tübingen:

Tübingen gilt als evangelisch, der Ort der abendlichen Lesung hingegen ist eine katholische Hochburg: Rottenburg. Das merkt man schon daran, dass hier für Fastnacht geschmückt wurde, wovon in Tübingen nicht zu sehen war. Tübinger Evangelen knacken an Karneval Walnüsse und trinken mehr Holundersaft, in den sie, damit es mehr kickt, Sprudel mischen.

 

Jan Weiler, In meinem kleinen Land, Rowohlt Taschenbuch Verlag 

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