Der Regensburg-Effekt
Veröffentlicht am | 11. 07. 2010 | Noch kein Kommentar
Ein Regensburger Blogger schrieb über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Die Diözese Regensburg ging juristisch gegen die Aussage vor. Eine Auseinandersetzung um Wahrheit, Meinungsfreiheit und Barbara Streisand.
Das Bistum Regensburg war in den letzten Monaten weit öfter in den Schlagzeilen als es ihm wohl lieb war. Missbrauchsfälle bei den Domspatzen wurden publik; im Zuge der Berichterstattung darüber hielt Bischof Gerhard Ludwig Müller die Gläubigen an, die «Reife des Glaubens zu haben, nicht auf all diese Schalmeien wie 1941 hereinzufallen” und gilt seitdem als der Bischof mit dem Nazi-Vergleich.
Der erste in einer Reihe von Skandalen war der Fall eines Pfarrers in Riekofen, der sich an einem Ministranten vergangen hat. Erst im Zuge des Verfahrens wurde öffentlich, dass der Pfarrer bereits zu einer zwölfmonatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung wegen Kindesmissbrauchs in seiner alten Gemeinde verurteilt worden war.
Eine Viertelmillion oder zwei Jahre Haft
Der Regensburger Stefan Aigner betreibt das Blog regensburg-digital.de. Er berichtet dort vor allem über Lokalpolitik. »Im März 2010 habe ich geschrieben, dass ich es als grotesk befunden habe, dass die katholische Kirche selbst Missbrauchsfälle aufklären soll, und habe das mit mehreren Beispielen begründet«, erzählt Aigner. Eines führte die Diözese Regensburg auf den Plan: Es ging um genau diesen Pfarrer aus Riekofen bei Regensburg, der 2008 wegen 22-fachen sexuellen Missbrauchs zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Nachdem er sich 1999 in Viechtach während einer Osterfeier an zwei Brüdern vergriff, während ihre Schwester die Tat beobachtete, unterschrieb die Familie der Kinder eine Stillschweigeerklärung. Der Priester zahlte 6.500 Mark Schmerzensgeld an die Familie. Schon eineinhalb Jahre später arbeitete der Priester wieder mit Jugendlichen.
Die Streitfrage ist, ob es einen Zusammenhang zwischen der Schmerzensgeldzahlung und dem damaligen Stillschweigen der Familie gibt. »Dazu habe ich in meinem Kommentar eine Einschätzung getroffen, die ich so öffentlich nicht mehr äußern darf«, sagt Stefan Aigner. Im nächsten Satz schrieb er, dass das Bistum einen solchen Zusammenhang dementiert.
Die Diözese mahnte ihn ab, das heißt sie forderte Aigner auf, solche Aussagen in Zukunft zu unterlassen. Aigner machte daraufhin einen Kompromissvorschlag und veränderte seine Aussage, um sie deutlicher als Meinungsäußerung kenntlich zu machen. Das Bistum ignorierte das und erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen beide Formulierungen. Bei einer Strafandrohung von 250.000 Euro oder ersatzweise zwei Jahren Haft ist es Aigner untersagt, seine Sicht zum Verhalten der Kirche öffentlich zu sagen. Aigner findet das absurd: »Diese Einschätzung ist so oder so ähnlich auch beim Spiegel, der Süddeutschen Zeitung, der Bild-Zeitung oder der taz zu finden.«
Aigner legte keine Widerspruch gegen die Unterlassungserklärung ein: »Wir wollen gleich ins Hauptsacheverfahren gehen. Hier kann man Zeugen laden und hat bessere Möglichkeiten, seinen Standpunkt darzulegen.« Falls er verliert, will er in die zweite Instanz gehen. »Mein Anwalt und ich scheuen uns auch nicht, bis zum Bundesgerichtshof zu gehen«, sagt er entschlossen, »denn in meinen Augen ist das Vorgehen ein skandalöser Angriff auf die grundgesetzlich garantierte Meinungs- und Pressefreiheit.«
Der Prozess wird in etwa einem halben Jahr stattfinden. Regensburg- digital.de wird durch Anzeigen auf der Website und den »Verein zur Förderung der Meinungs- und Informationsvielfalt e.V.« finanziert. Um den Prozess finanziell stemmen zu können, hat Aigner auf seiner Seite zu Spenden aufgerufen. Mittlerweile konnte er auf diesem Weg etwa 10.000 Euro sammeln. Dem Medienmagazin ZAPP sagte Aigner: »Es wird ja wohl noch erlaubt sein auf Grund gewisser Tatsachen eine Einschätzung treffen zu dürfen. Die muss der Diözese Regensburg ja nicht gefallen. Die kann ja gerne dagegen argumentieren. Aber ich kann die sagen, auch öffentlich.«
Wo hört die Meinungsfreiheit auf?
Ein Richter muss nun entscheiden, ob Stefan Aigner schreiben darf, dass »die Geldzahlung nicht nur in den Augen unserer Redaktion einen Beigeschmack einer Schweigegeldzahlung hat« oder ob das Ordinariat ihm das verbieten darf. Das ist auch eine grundsätzliche Entscheidung: Wo hört Meinungsfreiheit auf und beginnen die persönlichen Rechte eines jeden?
Natürlich darf ein Autor im überall zugänglichen Internet nicht einfach schreiben, was er will. Das Grundgesetz definiert, wo die Meinungsfreiheit ihre Grenzen hat. In Artikel 5 steht: »Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.« Und genau diese persönliche Ehre des Priesters sieht das Bistum Regensburg verletzt. »Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter des Bistums Regensburg verfolgten niemals die Absicht, die Familie des Opfers zu hindern, die Straftat gesetzlich verfolgen zu lassen. Das Gegenteil ist richtig. Sie arbeiten eng mit den Behörden zusammen«, so schreibt das Bistum in der Stellungnahme »Was ist Wahrheit (Johannes 18,38)«.
Für das Bistum steht fest: »Aigner verbreitet eine glatte und bösartige Unwahrheit und bricht damit Recht.« Den Vorwurf, unwahre Behauptungen aufzustellen, macht die Diözese aber nicht nur Aigner, sondern einer ganzen Reihe von anderen deutschen Medien. Immer wieder habe man auf Tatsachen hingewiesen, je- doch ohne Erfolg: »Also entschied das Bistum, den juristischen Weg zu gehen.«
Unter anderem der Spiegel und das Handelsblatt berichteten in den letzten fünf Jahren, wie der pädophile Pfarrer Peter K. nach dem Missbrauch 1999 in Viechtach und seiner Strafe, die zu dreijähriger Bewährungszeit ausgesetzt worden war, schon nach nur eineinhalb Jahren wieder in der Jugendarbeit eingesetzt werden konnte, ohne dass die Gemeindemitglieder in seiner neuen Gemeinde Riekofen davon wussten. »Weder der Spiegel noch andere Medien belegten auch nur ansatzweise einen Zusammenhang zwischen geleisteten Zahlungen und der behaupteten und falschen Vertuschungsabsicht. Dokumente wurden niemals aufgezeigt«, steht in der Stellungnahme der Diözese.
Aigner stützte sich auf einen Artikel im Spiegel aus dem Jahr 2007 mit der Überschrift »Schweigen gegen Geld«, der sich auf Verträge zwischen der Diözese und der Familie beruft. Im Februar 2010 griff das Magazin die Geschichte in ihrer Titelgeschichte »Die Scheinheiligen – Die katholische Kirche und der Sex« wieder auf. Daraufhin erwirkte das Bistum Regensburg eine einstweilige Verfügung gegen das Nachrichtenmagazin, das wie Aigner ins Hauptsacheverfahren geht. Gegen den ursprünglichen Artikel aus dem Jahr 2007, der weiterhin abrufbar ist, geht die Diözese aber nicht vor. ´
Der Medienjournalist Stefan Niggemeier griff diese Entwicklungen in seinem Blog auf, veröffentlichte die Stellen, wegen denen Aigner abgemahnt wurde, im Original – und wurde abgemahnt. »Die Diözese Regensburg geht nicht mehr nur gegen Artikel über ihr Verhalten im Zusammenhang mit dem Kindesmissbrauch eines Pfarrers vor elf Jahren vor. Sie geht auch gegen Artikel vor, die darüber berichten, wie sie gegen diese Artikel vorgeht«, so Niggemeier daraufhin. Er unterschrieb die Unterlassungserklärung nicht. Für ihn heißt das, dass es der Kirche nicht um eine Aufklärung der Ereignisse von 1999 gehe. »Es geht ihr offenkundig darum, das Thema insgesamt aus der Öffentlichkeit herauszuklagen.«
Dafür spricht die Wahl des Gerichts. Aigner betreibt die Seite zwar in Regensburg, aber da er im Internet publiziert, hat er fliegenden Gerichtsstand. In diesem Fall kann sich der Kläger den Gerichtsort aussuchen. Das Bistum Regensburg nutzte das für sich, indem es sich an das Landgericht Hamburg wandte. Die dortige Pressekammer ist umstritten, weil sie fast immer zugunsten der Persönlichkeitsrechte und gegen die Meinungs- und Pressefreiheit entscheidet.
Die mediale Aufmerksamkeit nimmt zu, nicht ab
Bischof Gerhard Ludwig Müller vermutet hinter den Medienberichten – erst über Fall des Pfarrers von Riekofen, jetzt über das juristische Vorgehen – eine gezielte Kampagne. Er predigte: »Es geht darum, heute die Glaubwürdigkeit der Kirche zu erschüttern.« Die Gefahr dabei ist für den Bischof als oberster Repräsentant der katholischen Kirche im Bistum Regensburg, dass es ihm wie der amerikanischen Sängerin Barbara Streisand ergeht. Sie verklagte 2003 eine Website und einen Fotografen auf 50 Millionen Dollar. Denn unter 12.000 Fotos von der kalifornischen Küste war auch eine Luftaufnahme ihres Hauses. Für sie war das eine Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte. Populär wurde das Bild allerdings erst während des Prozesses. Diesen Rückschlageffekt von Zensurversuchen wird »Streisand-Effekt« genannt.
In Regensburg heißt das: Das vermehrte mediale Interesse, das erst seit der Abmahnung und einstweiligen Verfügung entstanden ist, könnte für die Kirche den Effekt haben, den sie eigentlich verhindern wollte: Die Streitfrage bekommt mehr Aufmerksamkeit.
——————————————————————————————
Der Artikel erschien in der Lautschrift zum Thema “Freiheit”, Ausgabe 9, Sommersemester 2010
EIn Preis für die Katholische Kirche
Veröffentlicht am | 11. 07. 2010 | Noch kein Kommentar
Der katholischen Kirche ist Gewinnerin der “Verschlossenen Auster”. Den Negativ-Preis verleiht das “Netzwerk Recherche”: “Er steht als mahnendes Symbol für mangelnde Offenheit und Behinderung der Pressefreiheit von Personen oder Organisationen gegenüber den Medien.” Die Laudatio von Herbiert Prantl gibt’s bei der Süddeutschen.
Die Amtskirche hat aber geglaubt und glaubt zum Teil immer noch, ihr gebühre ein schonender Sonderstatus, sie sei unantastbar, weil sie so alt, erhaben und wertvoll sei. Anders herum wird ein Schuh daraus. Wer, wie es die Kirche tut und immer getan hat, sich die Rolle der Hüterin der öffentlichen Moral zuschreibt, wer, wie es die Kirche tut und immer getan hat, gern darauf verweist, dass er über ein gereiftes Orientierungswissen und über besondere Problemlösungskompetenz verfüge, der muss sich schon genau anschauen lassen, wenn es um die Unmoral in den eigenen Reihen geht, und der muss sich fragen lassen, wie es denn um die Qualität dieses Orientierungswissens bestellt ist und wo die Problemlösungskompetenz bleibt.
(…)
Es gibt eine Kirche, deren Selbstmitleid größer ist als das Mitleid mit den Opfern. Es gibt eine Kirche, die glaubt, sie habe lediglich ein Problem mit angeblich missliebigen Medien. Dieser Kirche widme ich diesen Negativ-Preis, die "Verschlossene Auster". Ich widme ihn, pars pro toto, dem Bischof meiner Heimatdiözese Regensburg, dem Bischof Gerhard Ludwig Müller. In diesem Bistum Regensburg liegt Wackersorf, der Ort, an dem einst eine Wiederaufbereitungsanlage gebaut und mit aller Macht und Staatsgewalt gegen den Willen der Bevölkerung durchgesetzt werden sollte. Was Wackersdorf für die CSU war, ist Bischof Müller für die katholische Kirche: ein Fiasko.
Kirche kann ihr gesellschaftliches Gewicht nicht mit Geld, Geschichte und Steuermitteln erhalten oder zeugen. Es entsteht von selber durch Glaubwürdigkeit, und es verfällt mit Unglaubwürdigkeit. Die Kirche braucht das, was die Mediziner "restitutio in integrum" nennen, die vollständige Ausheilung. Mit der Forderung nach Öffnung und Demokratisierung hat Papst Johannes Paul II. einst den Ostblock gesprengt. Diese Forderung "liegt jetzt auf den Stufen des Petersdoms" (so Jobst Paul im DISS-Journal 19/2010). Damals, im Ostblock, hieß das Neue "Glasnost" und "Perestrojka". Heute, in der katholischen Kirche, heißt es, unter anderem, Aufhebung des Pflicht-Zölibats und Frauen-Ordination. Glaubwürdig wird die Kirche nur dann, wenn sie den Ursachen für die sexuelle Gewalt und deren jahrzehntelange Vertuschung auf den Grund geht. Sie muss dazu die verstörten und empörten Fragen der Menschen hören.
Wasser predigen, Wein saufen: Der Umgang der katholischen Kirche mit den Missbrauchsvorwürfen
Veröffentlicht am | 23. 03. 2010 | 4 Kommentare
Ich bin im Schoss der katholischen Kirche aufgewachsen. Ich habe unzählige Male mit dem Chor in der Kirche gesungen, als Ministrantin das Kreuz getragen oder den Altarraum beweihräuchert. Und der sonntägliche Gang zur Messe gehörte zwölf Jahre lang ganz selbstverständlich zu meinem Leben. Ich fühlte mich in der kirchlichen Gemeinschaft wohl und im Kindergarten- und Grundschulalter habe ich gerne mit meinem Bruder zu Hause den Gottesdienst nachgespielt, genauso wie meine Cousinnen und viele andere Kinder, die im katholischen Glauben erzogen wurden.
Ich bezeichne mich als bibelfest und wage zu behaupten, dass ich zumindest in Zusammenarbeit mit meinem Bruder leicht die Namen der zwölf Apostel und möglicherweise sogar alle Brüder Josefs aufzählen kann. (Ok, zugegeben, das ist vielleicht schon etwas zu krass und wir müssten wohl wikipedia zu Rate ziehen). Ich persönlich habe mich schon länger von der katholischen Kirche distanziert, in erster Linie wegen ihrer Sexualmoral.
Ich komme aus Niederbayern, genauer gesagt aus dem Bayerischen Wald. Das ist dort, wo die Kirche noch wirklich Einfluss auf die Gesellschaft hat. Nicht unbedingt, weil die Menschen hier gläubiger oder redlicher sind als anderswo. Aber hier sind der Pfarrer und der Kaplan noch immer wirkliche Respektspersonen. “Die Herrn” hat man vor noch nicht allzu langer Zeit zu ihnen gesagt. Die Gottesdienste sind an den großen Feiertagen noch immer richtig gut besucht, an einem gewöhnlichen Sonntag sieht es dagegen anders aus: Graue Haare und ein Durchschnittsalter von über 50 Jahren dominieren dann das Bild.
Eines ist sicher: Die katholische Kirche verliert auch im ländlichen Bereich weiter an Boden. Die Glaubwürdigkeit sinkt schon seit Jahren. Skandale auf lokaler Ebene gibt es immer wieder und dass es die viele der Pfarrer mit dem Zölibat nicht ganz so eng sehen, ist allgemein bekannt. Beispiele aus meiner Gegend der letzten Jahre: Ein junger, beliebter Pfarrer aus der Nachbargemeinde wird suspendiert und dann exkommuniziert, weil er zu seiner schwangeren Frau steht. Heute ist er mit ihr verheiratet. Ein volljähriger Ministrant soll ein Verhältnis mit einem Kaplan gehabt haben. Der Stadtpfarrer wird mit seinem Partner händchenhaltend in München gesehen.
Jeder, der es wissen möchte, weiß davon; und wer es nicht wissen möchte, sehr wahrscheinlich auch. Von allen wird das stillschweigend akzeptiert, ist ja schließlich menschlich. Schuld sind ja vor allem die Leute im Vatikan, die stur jahrhundertealten Regeln folgen, so die Meinung vieler, mit der Realität habe das ja nichts zu tun.
Doch seit fünf Jahren ist auch die Amtskirche wieder näher dran an den Menschen. Seitdem Josef Ratzinger Papst ist, und auf dem Heiligen Stuhl ein Bayer sitzt, ist alles anders. Der Kaplan fährt mit zwei kleinen Vatikanfahnen am Motorrad herum und in Regensburg produziert die Labertaler extra ein Papst-Erfrischungsgetränk. (Allerdings haben sie zu viel produziert von der goldfarbenen Schorle mit allerlei exotischen Früchten, denn Schüler der BOS fanden im Keller parlettenweise das Benedikt-XVI-Getränk).
Doch irgendwann ist Schluss mit lustig! Die Missbrauchsfälle sind eine Nummer größer! Es geht jetzt nicht mehr um die Privatangelegenheiten einzelner Priester, sondern um Kinder, die von ihren Eltern in die Obhut kirchlicher Einrichtungen gegeben wurden, um gerade auch in moralischer Hinsicht ausgebildet zu werden.
Doch hier tritt ein Dilemma auf: Wasser predigen, Wein saufen. Psychologen kennen dieses Verhalten: “So zeigt sich in zahlreichen Studien, dass Menschen, die sich öffentlich als moralisch besonders integer profilieren, eher dazu neigen, gegen genau diese Normen zu verstoßen. Ganz so, als brauchten sie den Kitzel einer besonderen Fallhöhe”, schreibt die Süddeutsche Zeitung.
Was ist die Reaktion der Kirche auf die Vorwürfe? Die Medienberichterstattung wird als Komplott gegen die Kirche dargestellt; Bischöfe beschließen, nun jeden Verdacht an die Staatsanwaltschaft weiterzugeben: Sollte das denn in einem Rechtsstaat nicht die Normalität sein? Natürlich, es braucht eine Anzeige dafür, aber wer unter dem Deckmantel des Glaubens Leute stützt, die Kinder missbrauchen, sollte sich nochmal gut überlegen, was Moral heißt. Oder sich einfach nochmal das 8. Gebot durchlesen. Oder das Hirn einschalten.
Der Papst äußert sich in seinem Hirtenbrief nicht zur Situation in Deutschland. Der Regensburger Bischof Müller dagegen geht in die Offensive und forderte in seiner Predigt am vergangenen Sonntag die Menschen auf, die “Reife des Glaubens zu haben, nicht auf all diese Schalmeien wie 1941 hereinzufallen”. Er nutzt dadurch geschickt die Dynamik, die nach Nazi-Vergleichen entsteht und lenkt vom Kernthema – Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen – ab: Kaum jemand redet mehr über die Sache an sich, sondern nur mehr über den Vergleich.
Im Passauer Bistumsblatt gab letzte Woche ein Kaplan einen Kommentar zu den Missbrauchvorwürfen ab, der mich zur Weißglut trieb. Erstens stellte er sie auf eine Stufe mit der Trunkenheitsfahrt von Bischöfin Käßmann und fordert “Wer ohne Sünde sei, werfe den ersten Stein”. Zweitens schreibt er: “Gott geht es nicht um reine Bestrafung nach dem Gesetz”. Gott vielleicht nicht, aber den Opfern, ihren Eltern und dem Staat!
Mit diesem Verhalten, das in erster Linie das Ziel hat, zu vertuschen und sich irgendwie aus der Affäre zu ziehen, anstatt zu den Straftaten/Sünden zu stehen, wird die katholische Kirche eine große Zahl an vernünftigen Anhängern verlieren. Also die, die durch die Ablehnung von Homosexuellen, dem Verbot von Verhütung oder der Enthaltsamkeit als Lösung gegen AIDS in Afrika noch nicht genug angewidert sind. Also die, die bisher dachten, sexueller Missbrauch und Gewalt seien weit weg, in den USA oder in Irland oder sonst wo. Also die, die bisher nach viel Gemurmel und Gerüchten auf Beweise gewartet haben. Und von denen gibt es einige, auch in Niederbayern und der Oberpfalz. In Gegenden, die das Rückgrat der Kirche – katholisch und ländlich – sind.
In den nächsten Wochen und Monaten wird es wohl immer stiller werden um katholische Kirche. Das mediale Interesse wird abebben und die Bischöfe und Internatsleiter können sich wieder in ihre Glaubenswelt zurückziehen. Doch die katholische Kirche, die sich selbst als moralische Instanz sieht in einer Welt, die in ihren Augen immer unmoralischer wird, hat ihr wichtigstes Argument verloren: Ihre Glaubwürdigkeit. Da nützt auch ein Papst, der “einer von uns” ist, nichts.
Wenn Papst Benedikt XVI. in einer Woche am Ostersonntag auf dem Balkon am Petersplatz stehen wird und seinen Segen “urbi et orbi” sprechen wird, wird ihm ein eisiger Gegenwind aus seiner Heimat ins Gesicht blasen.
Der Kabarettist Volker Pispers meint zum Regensburger Bischof: “Beichten befreit: Den einen von seinen Sünden, den anderen von seiner Pflicht Strafanzeige zu stellen.” Unbedingt anschauen! Ab Minute 4:40. (via @zideshowbob)
Zum Weiterlesen:
Hans Küng, suspendierter Theologe, zu Ratzingers Verantwortung
Leben mit der Doppelmoral: Warum gerade erklärte Moralisten oft zu sexuellen Eskapaden, Rassismus und Betrug neigen.
“Politik ohne Werte?”
Veröffentlicht am | 27. 12. 2009 | 3 Kommentare
Die Wertedebatte kommt jedes Jahr wieder, spätestens zu Weihnachten, dem Fest der Liebe und Familie. Doch warum ist der Begriff “Werte” automatisch einen konservativen Beigeschmack? “Wer von “Werten” spricht, hält meist die traditionelle Familie hoch und ein hergebrachtes Frauenbild”, so Robert Misik in seinem Plädoyer im Deutschlandfunk für linke Werte – Werteprogressivismus anstatt Wertekonservativismus.
“Politik ohne Werte?“, politisches Feuilleton im Deutschlandfunk von Robert Misik:
Politik ohne Werte? (Anhören nach dem Klick)
Katholische Kirche: Ein Auslaufmodell
Veröffentlicht am | 11. 07. 2007 | 6 Kommentare
Papst Benedikt öffnete in seiner apostolischen Schreiben “Motu Proprio” das Tor für eine auf Latein gehaltene Messe. Dabei steht der Pfarrer am Hochaltar und murmelt die Lithurgie vor sich her. Natürlich heißt dies nicht, dass ab sofort die Gottesdienste auf Latein gehalten werden und die Zeit auf vor dem zweiten vatikanischen Konzil zurückgedreht wird. Natürlich betrifft diese Entscheidung nur ein paar Gläubige.
Aber “Motu Proprio” ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die Welt der Theologen und Mitarbeiter im Vatikan kaum mehr mit dem alltäglichen Glauben zu tun hat. Ich komme aus einer Gegend mit flächendeckendem Katholizismus und überwiegend konservativen (meist CSU) Bürgermeistern, Ich komme aus dem frommen und tiefschwarzen Niederbayern. Dennoch schwindet auch hier langsam aber sicher der Einfluss der Kirche.
Die Menschen in Niederbayern waren jahrhundertelang sehr fromm, gingen jeden Sonntag kilometerweit in die nächste Kirche und das Kirchenjahr setzte neben den landwirtschaftlichen Feiern wie die Dreschersuppe dann Rahmen für Feste und Feiern. Der Namenstag war bis vor 50, 60 Jahre wichtiger als der Geburtstag. Nur durch die lateinische Sprache war es fast 2000 Jahre lang möglich, die Gläubigen auf Abstand zu halten, ihnen den Zugang zu theologischen Abhandlungen zu verwehren. Kurz, zusammen mit dem Monopol im Bildungswesen, konnte die Kirche ihre Anhänger ungebildet und den Glauben geheimnisvoll werden lassen. Bei der Wandlung von Wein in Blut und Brot in den Leib Christi, spricht der Priester die Worte: “Hoc est corpus”. Daraus entwickelte sich der Zauberspruch “Hokuspokus”.
Ich selbst kann mich erinnern, dass noch vor zehn Jahren die Kirchen voller waren und Kinder die Gottesdienste gestalteten. Und heute? Ein paar Alte sind in der Messe, doch sie werden natürlicherweise immer weniger. Nur an Ostern, Weihnachten und vor allem der Kommunion muss um einen Sitzplatz gekämpft werden, wobei die mit besonderem Ehrgeiz dabei sind, die sonst nie zu sehen sind.
Was ist das Problem der katholischen Kirche? Denn ich bin nicht der Ansicht, dass die Menschen nicht mehr glauben. Aber mit zunehmenden Bildungsgrad, Aufklärung und individuellerer Lebensgestaltung wächst Kritik an der offiziellen Linie der katholischen Kirche und an ihren weltfremden Zielen wie Keuschheit zur AIDS-Bekämpfung und der ablehnenden Haltung gegenüber Abtreibungen.
Es ist jedem liberal denkenden Menschen klar, dass die Kirche sich ändern muss um in der modernen Welt weiterhin als wichtige Moralinstanz zu gelten und ihre Gläubigen nicht zu verlieren. Doch mit den festgefahrenen Strukturen und weltfremden Geboten wie Keuschheit von Priestern wird die katholische Kirche zu einem Auslaufmodell in der westlichen Hemisphäre werden.
Mehr zum Thema bei onezblog.

