Cola und Counterstrike
Veröffentlicht am | 08. 03. 2008 | 3 Kommentare
Chinesische Jugendliche unterscheidet äußerlich nicht mehr viel von ihren westlichen Altersgenossen. Geben sie ihre Traditionen auf, um ihr Leben nach der westlichen Kultur auszurichten?
Zhou Zhi Qiang trägt lässig seine Baggyhose knapp unterhalb der Gürtellinie, am rechten Ohrläppchen funkelt ein Stecker, wie ihn amerikanische Rapper gerne tragen. Er zieht sein Handy aus der Hosentasche und schreibt seiner Freundin eine Kurzmitteilung.
Auf den ersten Blick unterscheidet den 17-jährigen nichts von seinen Altersgenossen in Deutschland oder den USA. Doch Zhou Zhi Qiang lebt in Gengma, einer Kleinstadt mit 30 000 Einwohnern in der südwestchinesischen Provinz Yunnan. Die Gegend ist arm, die meisten Menschen arbeiten als Landwirte. Das große Geld wird woanders gemacht, in Beijing oder Shanghai – 3000 Kilometer entfernt. Nur sehr langsam bessern sich die Lebensbedingungen und manche konnten bereits einen bescheidenen Wohlstand erwirtschaften. 80 Prozent der chinesischen Bevölkerung lebt in diesen oder ähnlichen Verhältnissen.
Zhou Zhi Qiang trinkt gerne Cola oder Sprite und sieht sich die Spiele der amerikanischen Basketballliga NBA live im Fernsehen an. Der Sender CCTV 6 überträgt viele Stunden pro Tag amerikanische Spielfilme und in den Werbepausen wirbt McDonalds für sich. Seine Freizeit verbringt Zhou gerne in Internetcafés. „Ich spiele gerne Counterstrike”, sagt er hastig, während er auf seine Tastatur einhackt und mit einem Maschinengewehr einen Mitspieler tötet. Andere der rund 100 Jugendlichen im Raum verbessern ihre Helden im Spiel World of Warcraft oder chatten mit ihren Freunden per Webcam.
Geprägt von Traditionen
Haben sich chinesische Jugendliche ganz der westlichen Kultur angepasst? Gleichen sie vollkommen ihren Altersgenossen in Deutschland, Frankreich oder den USA? Nein, denn westliche Kultur bedeutet mehr als Cola und Counterstrike. Sie ist geprägt vom Zeitalter der Aufklärung, dem kritischen Hinterfragen und rationalem Denken. Doch das Leben junger Chinesen ist bestimmt vom Konfuzianismus und dessen Tugenden: Disziplin, Fleiß und Gehorsam gegenüber Ältern.
Die Schule lehrt das Hinnehmen von Zuständen, eigenständiges Denken wird nicht gefördert. „Die Schüler sind es nicht gewöhnt, sich mündlich am Unterricht zu beteiligen”, erzählt Benjamin Krafft, der als Englischlehrer an der Mittelschule in Gengma arbeitet. „Oft müssen sie nur Texte abschreiben und Prüfungen werden als multiple choice tests gestellt. Den Lehrern wird grundsätzlich nicht widersprochen.”
Von den Freiheiten deutscher Jugendlicher können junge Chinesen nur träumen. Freizeit? Die ist knapp bei Unterricht an sechs Tagen der Woche von halb acht Uhr morgens bis zum Teil 22 Uhr abends. Weggehen und Party machen? Höchstens im privaten Rahmen. Eine Beziehung haben? Niemals! Die chinesische Sexualmoral ist sehr konservativ. „Wüssten die Lehrer, dass eine Mitschülerin meine Freundin ist, würden sie sofort meine Eltern benachrichtigen”, sagt Zhou Zhi Qiang, „und das gäbe richtig Ärger.“ Wenn er mit seiner Freundin alleine sein will, müssen die beiden in ein Hotel gehen. „Aber das können wir uns nur selten leisten.“
Äußerlich mögen sich junge Chinesen dem Westen angepasst haben, doch im Alltag gibt es viele Unterschiede. „Die Jugendlichen stehen immer unter Beobachtung der Eltern, Lehrer und des totalitären Staates“, berichtet Krafft. Wichtige Werte des Westens, die Freiheit des Einzelnen und das Recht der freien Meinungsäußerung, spielen in China nur eine untergeordnete Rolle – das Ergebnis jahrhunderteralter Traditionen.
Zum Bespiel das Internet: Fast 130 Millionen Menschen sind regelmäßig online und Chinesisch hat Englisch als die am meisten genutzte Sprache im Netz bereits abgelöst. Doch die Great Firewall, die Zensur von unliebsamen Webinhalten durch das kommunistische Regime, schränkt die Freiheit massiv ein. Über die Studentenrevolte 1989 in Beijing oder die Unabhängigkeitsbestrebungen Tibets kann sich Zhou nicht informieren.
Westlicher Lifestyle
Chinesische Jugendliche übernehmen nicht die westliche Kultur an sich, sondern nur ihren Lifestyle und den Konsum. Sie kleiden sich wie ihre Altersgenossen in Berlin oder London, kommunizieren wie sie mit Mobiltelefonen und nutzen den Computer. Doch sie geben ihre kulturellen Wurzeln nicht auf. Einer Umfrage aus dem Jahr 2000 stimmten 50 Prozent der befragten chinesischen Jugendlichen dieser Aussage zu: „Die chinesische und westliche Kultur haben beide Schwächen und sollten sich miteinander entwickeln, damit die eine von der anderen lernen kann.“
Zhou Zhi Qiang ist mit vielen Traditionen nicht einverstanden, doch er nimmt sie als gegeben hin. Dennoch ist er stolz auf die chinesische Kultur und Geschichte. „Denn Kultur gibt uns Identität in einer Welt, die sich immer ähnlicher wird“, ist er sich sicher und trinkt einen Schluck Cola.
[Diese Reportage habe ich beim Medienwettbewerb Buddha, Barbie, Bollywood eingereicht.]
Globalisierung der Freizeit
Veröffentlicht am | 24. 01. 2008 | Noch kein Kommentar
Ich sitze in einem grossen Raum. Die Vorhaenge sind geschlossen, verhindern einen Blick nach draussen. Grosse Werbeplakate von Counterstrike, Doom oder World of Warcraft sollen zum Zocken verfuehren. Vor fast 100 PCs sitzen Jugendliche mit Kopfhpehrern und druecken hektisch auf ihreTastatur. Sie zocken Counterstrike, Warcraft oder chatten mit dem Programm QQ mit ihren Freunden am anderen Ende des Raumes.
Ich bin mittendrin. Habe Kopfhoehrer auf und lese deutsche Blogs - in Gengma. Einer kleiner Stadt in der chinesischen Provinz Yunnan. Eine arme Gegend, hunderte von Kilometern von der naechsten Grossstadt entfernt, der Provinzhauptstadt Kunming. Das Leben hier hat nicht viel zu bieten fuer Jugendliche: Eine Disko, Karaokebars und Basketballplaetze. Und drei Internetcafes mit jeweils mindestens 30 Computern. Und hier verbringen sehr viele ihre Freizeit, denn die Preise sind niedrig. Eine Stunde 20 Yuan, umgerechnet 20 Cent.
Abends zwischen acht und zehn Uhr ist es sehr schwierig einen Platz zu finden. Gespielt und gechattet wird hier bis tief in die Nacht: Selbst um vier Uhr frueh sind noch ein Viertel der Plaetze besetzt.
Hier unterscheidet sie nichts von Jugendlichen in Europa oder Amerika. Nennen wir es die Globalisierung der Freizeit.
Pippi & Co.: Meine Kindheit war schwedisch
Veröffentlicht am | 23. 07. 2007 | 16 Kommentare
Die Milchjunkies veranstalten eine Blogparade zum Thema TV-Erinnerungen. Na, hab ich mir gedacht, da mach ich ja glatt mal mit…
Meine Kindheit war schwedisch. Nein, ich bin nicht in diesem wunderschönen skandinavischen Land aufgewachsen noch verbrachte ich meine ersten Jahre hinter schwedischen Gardinen. Stattdessen waren Pippi, Michel und Wicki meine Lieblinge aus der Glotze. (Zugegeben, ob Wicki wirklich Schwede war, weiß ich nicht.)
Meine Mutter war sehr darauf bedacht, dass ihre Kinder nur altersgerechte Sendungen sehen können. Bis mein Bruder und ich etwa zehn Jahre waren, sahen wir kaum fern und dann nur ZDF tivi (kika-Vorläufer). Statt Turtles und Beverly Hills 90210 gab es bei uns Büllerbü und Karlson vom Dach.
Ich wage zu behaupten jede Geschichte von Astrid Lindgren, die jemals verfilmt wurde, zu kennen. Von ihr stammen auch meine absoluten Favoriten: Pippi und Michel.
Ich kenne Pippi Langstrumpf und ihre Freunde Annika und Tommi. Ich war dabei, als sie Pippis Vater Efraim Langstrumpf seinem Gefängnis im Tacka-Tucka-Land befreiten und hatte Fernweh, wenn die drei Freunde auf dem Rücken des Kleinen Onkel und mit Herrn Nilsson auf der Schulter durch die schwedische Landschaft reiten. Ich lachte, als sie sowohl die beiden Polizisten Kling und Klang als auch die Gauner Donner-Karlsson und Blom immer wieder austrickste.
Doch noch lieber als die Pippi mochte ich Michel aus Lönneberga. Vielleicht, weil es ein Kinderfoto von meinem Papa gibt auf dem er dem Michel aufs Haar ähnlich sieht. Der Michel ist einfach ein Lausejunge aus einem Dorf in Schweden. Und ein armer Junge, wenn er nach seinen Streichen immer wieder in den Schuppen gesperrt wurde. Aber eigentlich wollte er ja niemanden schaden, sondern einfach Spaß haben oder jemanden helfen. Doch mit seiner Bauernschläue konnte er sich meist doch aus seiner misslichen Lage befreien und seinem Vater ein Schnippchen schlagen. Es ist einfach süß, wenn er seine kleine Schwester Klein-Ida zu Unfug überredet und mit Knecht Alfred über Magd Lina (und die Frauen im Allgemeinen) schimpft als hätte er schon drei Ehen und vier Scheidungen hinter sich.
Doch eigentlich ist der Michel keine TV-Erinnerung. Denn vor zwei Jahren hab ich mir den Michel auf DVD gekauft und schau ihn mir und seine Streiche immer noch gerne an.