Post-Tag-Archiv für ‘ Deutschland ’

19. Oktober 2010 0

Shahada

Von Katharina in Kulturelles

Die New York Times widmete gestern eine halbe Seite in der Printausgabe einem deutschen Regisseur, von dem ich noch nie etwas gehört habe. Burhan Qurbanis Film “Shahada” hat letztes Wochenende beim Chicago International Film Festival letzte Woche den ersten Platz für Nachwuchsregisseure gewonnen und ist auch auf der Berlinale gelaufen.

“Shahada” (eine der fünf Säulen des Islams) erzählt die Schicksale dreier Muslime in Berlin, die während des islamischen Fastenmonats Ramadan miteinander verknüpft werden:  Ein türkischer Polizist verlässt seine Familie, der Jugendlicher kann seine Homosexualität und seinen Glauben nicht mehr vereinbaren, eine Frau beschließt abzutreiben.

Der Film sei aber nicht in erster Linie über Religion: “Die Konflikte, die Krisen und die Widersprüche, mit denen sie in der deutschen Gesellschaft zu kämpfen haben. Es sind vor allem diese Widersprüche, die mich interessieren,” schreibt Burhan Qurbani in der Pressemappe “Shahada.” 

Unter der Überschrift “With Film, Afghan-German Is a Foreigner at Home” griff die New York Times auch die Integrationsdebatte in Deutschland auf und Qurbanis Dilemma in Deutschland aufgewachsen zu sein, jedoch von Deutschen als Ausländer gesehen zu werden:

By his own account he has assimilated, accepting German culture and norms, which is what many Germans say they want of immigrants, and what many immigrants (…) resist to varying degrees as they struggle to hold on to their culture. (…) Even though he is Muslim, Mr. Qurbani and his family adopted the culture of Christmas. As a small child, he said, he was pleased to learn about Catholicism during religious classes in school because he wanted to understand his friends. And he professes to carry the guilt of Germany’s Nazi past.

Der Trailer zum Film:

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3. Oktober 2010 0

„Niemand wird als Demokrat geboren“ – Zum 20. Tag der deutschen Einheit

Von Katharina in Politisches

An einem gewöhnlichen „Tag der deutschen Einheit“ schlafe ich, surfe im Internet oder bin ‐ wenn es das Wetter noch zulässt – draußen und genieße die letzten warmen Tage im Jahr. Denn am 3. Oktober bin ich meist sehr müde, denn ich nutze den Abend davor zum Weggehen und den deutschen Nationalfeiertag zum Ausschlafen. Welche Bedeutung der „Tag der deutschen Einheit“ hat, ist meiner Generation – den in den späten Achtziger Jahren und danach
Geborenen – kaum mehr bewusst.

mauerfall Ganz anders sieht es an den Nationalfeiertagen in Frankreich am 14. Juli oder am 4. Juli in den Vereinigten Staaten aus. Die Menschen nehmen dort an Paraden teil und feiern sich selbst und ihre Nation. Deutschland hat im Gegensatz zu Frankreich oder den USA keine demokratische Festkultur. Den Gründungstag der Bundesrepublik, den 23. Mai, feiern die Deutschen nicht mit einem großen Fest oder fühlen sich am 3. Oktober einer größeren
Gemeinschaft zugehörig.

Deutschland hat seit 1945 zwei große Leistungen vollbracht: Die Demokratisierung einer Gesellschaft, die zwölf Jahre lang in einem totalitären System lebte, und die friedliche Revolution von 1989. Doch es fehlt das Bewusstsein für die enorme und bewundernswerte Entwicklung, die das Land in den vergangenen über 60 Jahren durchgemacht hat. Ein totalitärer, faschistischer Staat, den die Mehrheit der Bevölkerung unterstützte, wurde zu einer Demokratie. Aus Menschen, die ihrem Führer in einen Krieg folgten, der 55 Millionen Menschen das Leben kostete und mit dem Holocaust eine systematische Ermordung von Juden, Homosexuellen, Sinti und Roma und politischen Gegnern betrieb, wurden liberale Demokraten. Dieser bewundernswerte Kraftakt – die Metamorphose des nationalsozialistischen Dritten Reiches zur Bundesrepublik Deutschland mit freiheitlich‐demokratischer Ordnung – war das eigentliche Wunder der Nachkriegszeit. Dabei hat natürlich das Wirtschaftswachstum in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts enorm geholfen: Ein voller Magen, eine warme Stube und das erste Auto waren die besten Argumente gegen Hitler und den Nationalsozialismus und für ein demokratisches Nachkriegsdeutschland. Das Stigma des Nationalsozialismus haftet den Deutschen heute höchstens noch im persönlichen Austausch an. Der Staat Deutschland ist rehabilitiert, in die internationale Staatengemeinschaft integriert und hat ein gutes Verhältnis zu Israel. Mehr noch: Die Bundesrepublik ist eine der tragenden Säulen der Europäischen Union.

Der zweite große Erfolg in der deutschen Nachkriegsgeschichte ist die Wiedervereinigung von West‐ und Ostdeutschland. In meiner Generation erinnert sich niemand mehr an die Zeit des Eisernen Vorhangs in Europa. Daran, dass Deutschland geographisch an der Grenze zweier Systeme lag, wo der Kalte Krieg immer ein bisschen wärmer gewesen war: Auf dem Boden des ehemaligen gemeinsamen Feindes während des 2. Weltkriegs standen sich die USA und die Sowjetunion bis an die Zähne bewaffnet gegenüber. Das deutsche Volk war geteilt, im Westen lebten die Menschen in einer sozialen Marktwirtschaft, im Osten in einem sozialistischen Arbeiter‐ und Bauernstaat. Unvorstellbar war es damals für die meisten, dass es wieder ein vereintes Deutschland geben könnte. Unvorstellbar ist es für mich, dass es jemals eine Teilung gab. Bei der Wiedervereinigung ist nicht alles glatt gegangen, doch dürfen finanzielle Nachteile nicht die Großartigkeit dieses Ereignisses – eine friedliche Revolution – überschatten.

Erinnerungskultur statt Festkultur

Deutschland im 21. Jahrhundert hat keine demokratische Festkultur, sondern eine Erinnerungskultur. Es gibt wohl kaum einen Staat, der sich seiner Verbrechen gegen andere so klar bewusst ist und die Verantwortung dafür übernommen hat. Wir gelten als vorbildlich was die Aufarbeitung der Nazi‐Vergangenheit betrifft. Es ist zweifellos gesellschaftlicher Konsens, dass es zu einer solchen Diktatur niemals wieder kommen darf. Dafür gibt es Gedenktage und Geschichtsunterricht. Kaum ein Jugendlicher verlässt die
Schule ohne mindestens einmal in einem Konzentrationslager gewesen zu sein.

Deutschland hat auch deshalb hauptsächlich Gedenktage, weil es lange nichts zu feiern gab. Stattdessen haben wir uns der unrühmlichen Vergangenheit des deutschen Volkes erinnert: Die Anzettelung zweier Weltkriege, die Europa die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in ein Schlachtfeld sondergleichen verwandelte und Millionen von Menschen das Leben kostete und Hass und Gewalt verbreitete. Es galt daraus Lehren zu ziehen. Wie bei einer erfolgreichen Psychotherapie lernte die deutsche Bevölkerung den Wahnsinn der Nationalsozialisten und ihr eigenes Zutun zu reflektieren und ihr Verhalten und ihre Einstellungen zu ändern.

Doch sich erinnern heißt auch, sich die positiven Dinge ins Gedächtnis zu rufen und nicht nur die Katastrophen. Denn bis heute, dem Jahr 2010, 82 Jahre nach Ende des 1. Weltkriegs, 65 Jahre nach Ende des Zweiten, hat sich Deutschland im Großen und Ganzen zum Guten entwickelt: In kaum einem anderen Land können heute die Menschen freier leben als hier. Natürlich gibt es Raum für Verbesserungen, doch wir sollten das als Herausforderung sehen, die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass in Zukunft alle Menschen so frei wie möglich und ohne Diskriminierung zusammenleben können.

Braucht Deutschland also eine demokratische Festkultur? Ja. Denn so wie Deutschland aus seiner Rolle in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelernt hat, sollten aber auch an die positiven Entwicklungen seit 1945 gegenwärtig sein. Eine demokratische Festkultur heißt aber nicht große Paraden, nationalistisches Gebären oder zur Schau gestellter Patriotismus, sondern das Wissen und das Bewusstsein um die Entwicklung Deutschlands und seiner wichtigen und verantwortungsvolle Rolle in der Welt. Doch mit einer rein deutschen Festkultur ist es nicht getan. Deutschland, so wie es heute existiert, ist ohne die Europäische Gemeinschaft und die Europäische Union unvorstellbar.

Doch das feierliche Gedenken und Erinnern an wichtige geschichtliche Ereignisse ist nur eine Seite der Medaille, nämlich die der Emotionen. Auf der anderen steht die politische Bildung, die rationale Seite. Denn in Deutschland gibt es ein Dilemma: Demokratie ist oft gleichbedeutend mit Wohlstand. Der Schweizer Journalist Sascha Buchbinder formuliert das folgendermaßen: „Deutschland machte Schluss mit der Droge Nationalismus, dem die Gesellschaft so fatal verfallen war und begnügte sich mit dem Stolz auf seine wirtschaftliche Tüchtigkeit.” Nach der Wende wurde deutlich was das heißt: Im Unterschied zu Westdeutschland in der Nachkriegszeit fehlte in den 1990er Jahren der wirtschaftliche Fortschritt als Schmiermittel für die Akzeptanz der Demokratie als das bessere Regierungssystem in der ehemaligen DDR.

Denn die größte Gefahr für die Demokratie sind im 21. Jahrhundert nicht in erster Linie extrem rechtes und linkes Gedankengut, sondern die Politikverdrossenheit weiter Teile der Bevölkerung. 2006 antworteten erstmals 51 Prozent bei einer Befragung, dass sie mit der demokratischen Regierungsform unzufrieden sind. „Die Frustration steigt, je verständnisloser und uninformierter die Bürger der Politik gegenüberstehen“, schreibt Franz Walter vom Göttinger Institut für Demokratieforschung. Die Politik habe sich in den vergangenen Jahren von der Gesellschaft entkoppelt. Der Schlüssel, um sie wieder
zusammenzuführen, liegt in der politischen Bildung.

Die fetten Jahre sind vorbei

2010 ist gesellschaftliche Stimmung schlecht. Seit zwanzig Jahren sind die fetten Jahre vorbei. Erst belasten die Kosten der Wiederveinigung die Staatskasse, dann brach der Anfang der Nullerjahre die „New Economy“ zusammen und gab einen kleinen Vorgeschmack auf die Finanz‐ und Wirtschaftskrise ab 2007. Dazwischen gab es den 11. September, einen seit acht Jahren andauernder Krieg in Afghanistan, bei dem die Bundeswehr involviert ist und das militärische Desaster der Amerikaner und ihren Verbündeten im Irak. Der Klimawandel überschattet langsam, aber stetig die Erde. In Deutschland weitet sich die Schere zwischen arm und reich immer mehr. Dem Kollaps des Finanzsystems folgt eine bis dato unvorstellbare Wirtschaftkrise, die auch die europäische Gemeinschaftswährung bedroht. Meine Rente ist nicht sicher.

Gerade in Zeiten negativer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklungen ist Vertrauen in die Demokratie absolut notwendig. Hier zeigt sich die Gefahr, wenn lange Zeit die Gleichung „Demokratie gleich Wohlstand“ galt, diese aber plötzlich nicht mehr aufgeht. Demokratie ist natürlich mehr als der Kontensaldo. Doch worauf stolz sein, wenn es mit der „wirtschaftlichen Tüchtigkeit“ nicht mehr so weit her ist? Schließlich sind die Chinesen Exportweltmeister und das Bruttoinlandsprodukt sank allein im Jahr 2009 um fünf Prozent.

Zum Beispiel darauf, dass Deutschland einer der fortschrittlichsten Staaten der Welt ist, auf ein Grundgesetz, das jedem Bürger die Grundrechte garantiert oder eine liberale und tolerante Gesellschaft. Darauf, dass es gelang zwei totalitäre Staaten, die Teilung und den Kalten Krieg friedlich zu überwinden. Darauf, dass es kein anderes praktikables politisches System gibt, bei dem der Einzelne so viele Partizipationsmöglichkeiten hat, und dass Demokratie nichts anderes heißt als „Herrschaft des Volkes“. “Denn Demokratie”, so Gerhard Himmelmann, Professor für Politische Wissenschaft und Politische Bildung, in seinem Plädoyer für ‘Demokratie als Lebensform’, “ergibt sich nicht naturwüchsig, niemand wird als Demokrat geboren. Jede Generation muss neu daran gewöhnt werden und entsprechende Erfahrungen – auch im Kleinen ‐ sammeln.”

Ich möchte auch in Zukunft noch am Morgen des 3. Oktober aufwachen und an einen tollen Abend mit meinen Freunden denken. Aber ich möchte auch, dass der Grund, warum ich ausschlafen kann – die Wiedervereinigung ‐ stärker in meinem Bewusstsein ist. Und in dem aller Menschen, die in diesem Land leben: Es muss in die Köpfe der Deutschen – besonders derjenigen, die den Kalten Krieg nicht mehr oder nicht mehr bewusst miterlebt haben ‐, dass der Mauerfall nicht nur eine große Party an einer außergewöhnlichen Location war, sondern das gewaltlose Ende eines totalitären Regimes.

(Foto unter Creative-Commons Lizenz)

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14. September 2010 2

Lesenswertes: In deutschen Landen

Von Katharina in Lesenswertes, Politisches

“Migrationsvordergrund” – Der Journalist Michalis Pantelouris zur Debatte um Thilo Sarrazin: “Um der “Man wird doch wohl noch sagen dürfen”-Orgie noch einen hinzuzufügen: Man wird doch wohl noch sagen dürfen, dass Thilo Sarrazin mit seinem überflüssigen Buch keine Debatte losgetreten, sondern ganz einfach ziemlich dumpfen, rassistischen Strömungen ein Ventil verschafft hat.”

“It’s perception, stupid” – Wie Deutschland in Zeiten der Wirtschaftskrise im Ausland wahrgenommen wird: nicht gut! “A newspaper (…) commented on the unexpected growth figures by describing Germany as a one-eyed man among the blind. As such it is still ahead of the pack. But if the one eye is occupied with self-observation, you are rendered blind nonetheless.”

“Mein Gott, warum hast du mich verlassen?” – Ein katholischer, gläubiger und in der Kirche engagierter Abiturient zeigt auf, warum in den Kirchenbänken keine jungen Menschen sitzen. “Wie anachronistisch wirken doch Würdenträger, die sich in purpurne Gewänder hüllen und versuchen, die Welt aus der Bibel heraus zu erklären. Während wir über die Rente mit 67 diskutieren, gehen Bischöfe und damit die Entscheidungsträger und medialen Repräsentanten der katholischen Kirche mit 70 Jahren oftmals noch lange nicht in Rente.”

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12. September 2010 0

82 156 678, 82 156 679, 82 156 680

Von Katharina in Politisches

Nächstes Jahr wird es eine Volkszählung in Deutschland geben. Die statistische Erfassung folgt einer EG-Richtlinie, die die Bundesrepublik umsetzt. Wichtig sind solche Erfassungen zum Beispiel um den Finanzausgleich für Kommunen und Länder planen zu können. Der Unterschied zu früheren Volkszählungen wie z.B. in den achtziger Jahren liegt darin, dass nicht jeder einen Fragebogen bekommt, sondern nur etwa ein Viertel oder ein Drittel der Menschen befragt werden.

Die Krux ist aber, dass eine Volkszählung von nur einem Drittel der Bevölkerung nicht besonders viel Sinn macht, schließlich will der Staat ja Informationen über alle Bürger. Das hat nun zur Folge, dass aus verschiedensten Ämtern – wie Meldebehörden oder Arbeitsagenturen – Daten über alle zusammengezogen werden und in einer zentralen Datenbank gespeichert werden. Und diese Daten werden in den ersten vier Jahre nicht anonymisiert. Und das birgt natürlich eine große Gefahr von Missbrauch, denn nur nicht erhobene Daten sind sichere Daten, wie es im Wiki der AK Vorratsdatenspeicherung heißt.

Das ist einer der Gründe, warum die AK Vorratsdatenspeicherung Beschwerde gegen den Zensus 11 beim Bundesverfassungsgericht eingereicht hat. 

Fünf Gründe für die Verfassungsbeschwerde gegen die Volkszählung 2011:

  1. Die Zuordnung der Daten aus der Volkszählung 2011 ist über eine eindeutige Personenkennziffer möglich. Eine solche eindeutige, gemeinsame Ordnungsnummer hatte das Bundesverfassungsgericht 1983 ausdrücklich verboten.
  2. Die Erhebung ist nicht anonym, Name und Anschrift werden genau wie die gesammelten Daten maximal 4 Jahre gespeichert. Es entstünde ein zentral verfügbares Personenprofil aller in Deutschland ansässigen Personen.
  3. Sensible persönliche Daten werden aus zahlreichen Quellen ohne Ihre Einwilligung zusammengeführt. Die Daten von Meldeämtern und Behörden werden somit zweckentfremdet; Ihr Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung wird verletzt.
  4. Die zentrale Verfügbarkeit der Personenprofile weckt Begehrlichkeiten, die Datenschutz-Skandale der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass das Missbrauchspotenzial einmal angelegter Datensammlungen enorm ist.
  5. Die Abfrage der Daten laut deutschem Zensus-Gesetz geht über den von der EU geforderten Umfang hinaus, z. B. die Angabe des Religionsbekenntnisses. So ließe sich zum Beispiel eine Liste aller bekennenden Muslime in Deutschland erstellen.
    (via torschtl)

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2. September 2010 3

Mein Kommentar zu Sarrazin

Von Katharina in Politisches

Ziemlich lange Zeit stand da oben unter schafott.net nicht “move your ass and your mind will follow”, sondern ein Satz, der mein Einziger zu Thilo Sarrazins Aussagen/Buch/Interview sein soll: “Si tacuisses, philosophus mansisses”, was zu Deutsch heißt: “Hättest du geschwiegen, wärest du ein Philosoph geblieben”.

Lateinunterricht war doch nicht völlig umsonst.

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7. Februar 2010 0

In meinem kleinen Land

Von katha in Kulturelles

Jan Weiler ist der Autor von "Maria ihm schmeckt’s nicht". Nach der Veröffentlichung des Buches ging er auf Lesereise durch Deutschland und schrieb darüber: über Hotelzimmer, Züge und Buchhandlungen, Dome (stimmt der Plural?) und Fussgängerzonen. Ein neutrales Urteil über Städte nach nur einem Tag zu fällen, ist natürlich nicht wirklich möglich, aber das macht nichts. Weiler schreibt seine Erlebnisse und Beobachtungen auf und dabei kommt die eine Stadt halt besser weg, als die andere. 

In seinem Vorwort trifft Jan Weiler den Nagel auf den Kopf:

"Man traut es sich beinahe nicht zu formulieren, aber im Großen und Ganzen haben wir es nicht schlecht getroffen.

Dass dieser Befund so schwerfällt, hat mir meiner Generation zu tun. Wir sind kritisch aufgewachsen: konsumkritisch, religionskritisch, politkritisch, kulturkritisch. Unser Land zu mögen finden wir nationalistisch, unsere Sprache peinlich, den Deutschen an sich unerträglich, besonders im Urlaub. Das ist auch sehr ehrenwert, führt aber zu keiner sonderlich tiefen Identifikation mit unserem Land. Ging mir auch so. Aber es hat sich geändert.

Ob ich nach dieser Reise ein Patriot bin? Nein. Aber es gefällt mir hier. Ich bin ganz und gar nicht stolz darauf Deutscher zu sein, aber ich bin es gerne, weil mein Land friedlich ist und schön und weil ich die Deutschen mag, nachdem ich ziemlich viele von ihnen getroffen habe. "

Das Buch habe ich bei meinen Eltern vergessen. Das machte aber nichts, denn immer wenn ich zu Besuch war, habe ich ein paar Kapitel gelesen. Dafür ist genau das richtige: drei oder vier Seiten über jede Stadt. Seitdem weiß ich auch, wo Hildesheim liegt, und Krefeld und dass der "Kleine Feigling" aus Eckernförde kommt.

"In meinem kleinen Land" ist ideal für zwischendurch. Heute ein paar Kapitel, die nächsten erst in Tagen oder Wochen lesen – kein Problem, denn es ist kurzweilig und verdammt witzig. Zum Beispiel der Text über Tübingen:

Tübingen gilt als evangelisch, der Ort der abendlichen Lesung hingegen ist eine katholische Hochburg: Rottenburg. Das merkt man schon daran, dass hier für Fastnacht geschmückt wurde, wovon in Tübingen nicht zu sehen war. Tübinger Evangelen knacken an Karneval Walnüsse und trinken mehr Holundersaft, in den sie, damit es mehr kickt, Sprudel mischen.

 

Jan Weiler, In meinem kleinen Land, Rowohlt Taschenbuch Verlag 

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18. Februar 2009 0

Deutschland auf der Couch

Von Katharina in Kulturelles

“Wenn einer 60 wird, den 20. Hochzeitstag feiert und trotzdem das brüchige Selbstbewusstsein eines Teenagers hat – er wäre ein klarer Fall für die Psychocouch. Was aber, wenn die Beschreibung nicht auf einen Einzelnen zutrifft, sondern auf ein ganzes Volk?”

Der Schweizer Journalist Sascha Buchbinder legt die Deutschen auf die Couch und untersucht sie und ihre Minderwertigkeitskomplexe. Denn diese Komplexe sind es, die Patriotismus unmöglich machen. Natürlich spielt das dritte Reich in diesem Zusammenhang eine große Rolle, doch Buchbinder hat noch mehr Beispiele aus 2000 Jahren deutscher Geschichte parat.

Das größte Problem der Deutsche ist aus Sicht des Autors, dass es nur eines gibt, worauf die Deutschen wirklich stolz sind: Die Wirtschaft, der ungeheure Aufstieg nach dem 2. Weltkrieg, die D-Mark – im Kern: die soziale Marktwirtschaft. So schreibt der Buchbinder:

“Die Hungrigen, die Fensterkitt frassen, gelangten zu Wohlstand, zum Toast Hawaii, fanden zur Überflussgesellschaft der weiss gedeckten Tische mit Schälchen voll Himalaja-Salz. Erhards Programm kurbelte die Wirtschaft an, war die Initialzündung für das sogenannte Wirtschaftswunder. Zugleich wurde der Sozialstaat immer üppiger ausgebaut. «Wohlstand für alle!» lautet das Versprechen, das sich vor den Kriegsruinen leuchtend abhob. Deutschland machte Schluss mit der Droge Nationalismus, dem die Gesellschaft so fatal verfallen war und begnügte sich mit dem Stolz auf seine wirtschaftliche Tüchtigkeit.”

Ob und wieviel von Buchbinders Theorien wirklich stimmt, ist wohl Ansichtssache. Im jeden Falle, ist die seine Analyse unterhaltsam und ironisch geschrieben und hat zumindest einen wahren Kern.

Veröffentlicht wurde der Text im “Das Magazin”, der wöchentlichen Beilage des «Tages-Anzeigers», der «Basler Zeitung», der «Berner Zeitung» und des «Solothurner Tagblatts». Ich kenne weder die drei Städte, noch ihre Zeitungen, dennoch habe ich “Das Magazin” zu schätzen gelernt. Zum einen ist es sehr Internet-affin: Die Website hat die Optik eines Blogs und das Internet als Diskussionsthema findet oft ins Heft. Zum anderen habe ich schon oft wirklich tolle Reportagen (hier oder hier) gelesen. Ich muss zugeben, dass bisher mich vor allem übersetzte Geschichten aus ausländischen Zeitschriften überzeugt haben, wie die des Hochstaplers Frédéric Bourdin.

By the way: “Das Magazin” ist echt ein bescheuerter Name. Ok, Süddeutsche Magazin, ZEIT Magazin etc. sind auch nicht unbedingt viel besser. Doch immerhin haben sie noch ein Alleinstellungsmerkmal und ich muss den Namen nicht ständig in Anführungszeichen schreiben.

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10. Dezember 2008 0

Xitele Bu Hao

Von katha in China

"Xitele Xitele", schrieen sie oft, sprangen auf und rissen ihren rechten Arm hoch. Oftmals wiederholte sich diese Szene, wenn ich sagte, woher ich kam. "Xitele bu hao", antwortete ich dann. " Hitler nicht gut." Warum er nicht gut war? Leider konnte ich das mit meinem sehr begrenzten Wortschatz nicht beantworten. Nicht nur mir ging es so. Auch Christian Y. Schmidt erzählt in seinem Buch "Allein unter 1,3 Milliarden" davon und überlegt sich (hier in einem Auszug), wie dieser Unkenntnis in China entgegen gewirkt werden könnte:

Könnte da das Goethe-Institut nicht mal was machen? Zum Beispiel eine Milliarde Flugblätter drucken lassen, auf denen man den Chinesen in einfachen Worten erklärt, dass dieser Herr Xitele nicht nur ein großer Verbrecher war, sondern im Zweiten Weltkrieg auch ein großer Freund und Bundesgenosse der Chinesen metzelnden Japaner? Das wäre sicher sinnvoller, als immer nur Juli Zeh oder DJ Fix und Foxi nach Peking einfliegen zu lassen.

In den Medien spielt Deutschland vor allem auf dem Sportkanal eine Rolle. Fussball aus Europa ist sehr populär, Fussballspiele mit deutscher Beteiligung sah ich so oft wie zu Hause in Deutschland. Die Schweiz und Österreich wurden vor der EM vorgestellt. Ein chinesisch sprechender Österreicher reiste nach Wien, zeigte den Prater und Schloss Schönbrunn. Gelegentlich lachte mich Angela Merkel an, meist an der Seite von George W. Bush. Bekannt waren auch Bierkrüge und Ballack. Und Siemens. Nur einmal war in meinen neun Monaten Deutschland wichtiges Thema: Als die deutsche Regierung, die chinesische Politik in Tibet kritisierte.

Wie das Bild Deutschlands in den chinesischen Medien ist, kann ich nicht mehr sagen als: Überwiegend positiv. Aber Mark Siemons weiß es. Er schreibt die "Pekinger Bekanntmachungen". Er übersetzt, was die Pekinger Hauptstadtzeitung über Deutschland in Zeiten der Finanzkrise schreibt. Sie berichtet von Methoden, wie die Deutschen mit der Krise arrangieren: „Die Kunden drängen sich vor Ein-Euro-Läden".

Noch ist der Blog ganz frisch. Erst Anfang Dezmber veröffentlichte Siemons die ersten Beträge. Bis jetzt habe ich den Eindruck, als ob da ein neuer, qualitativ hochwertiges Blog über China im Aufbau ist.

Wechseln wir zum Abschluss mal kurz die Seite: Wieviel wissen wir schon über China? Irgendein Kaiser von China; Schwarzpulver erfunden; Mao; Fälschungen; kleine, geschminkte Mädchen, die bei Olympia Goldmedaillen gewinnen.

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