Mein Kommentar zu Sarrazin
Veröffentlicht am | 02. 09. 2010 | 2 Kommentare
Ziemlich lange Zeit stand da oben unter schafott.net nicht “move your ass and your mind will follow”, sondern ein Satz, der mein Einziger zu Thilo Sarrazins Aussagen/Buch/Interview sein soll: “Si tacuisses, philosophus mansisses”, was zu Deutsch heißt: “Hättest du geschwiegen, wärest du ein Philosoph geblieben”.
Lateinunterricht war doch nicht völlig umsonst.
In meinem kleinen Land
Veröffentlicht am | 07. 02. 2010 | Noch kein Kommentar
Jan Weiler ist der Autor von "Maria ihm schmeckt’s nicht". Nach der Veröffentlichung des Buches ging er auf Lesereise durch Deutschland und schrieb darüber: über Hotelzimmer, Züge und Buchhandlungen, Dome (stimmt der Plural?) und Fussgängerzonen. Ein neutrales Urteil über Städte nach nur einem Tag zu fällen, ist natürlich nicht wirklich möglich, aber das macht nichts. Weiler schreibt seine Erlebnisse und Beobachtungen auf und dabei kommt die eine Stadt halt besser weg, als die andere.
In seinem Vorwort trifft Jan Weiler den Nagel auf den Kopf:
"Man traut es sich beinahe nicht zu formulieren, aber im Großen und Ganzen haben wir es nicht schlecht getroffen.
Dass dieser Befund so schwerfällt, hat mir meiner Generation zu tun. Wir sind kritisch aufgewachsen: konsumkritisch, religionskritisch, politkritisch, kulturkritisch. Unser Land zu mögen finden wir nationalistisch, unsere Sprache peinlich, den Deutschen an sich unerträglich, besonders im Urlaub. Das ist auch sehr ehrenwert, führt aber zu keiner sonderlich tiefen Identifikation mit unserem Land. Ging mir auch so. Aber es hat sich geändert.
Ob ich nach dieser Reise ein Patriot bin? Nein. Aber es gefällt mir hier. Ich bin ganz und gar nicht stolz darauf Deutscher zu sein, aber ich bin es gerne, weil mein Land friedlich ist und schön und weil ich die Deutschen mag, nachdem ich ziemlich viele von ihnen getroffen habe. "
Das Buch habe ich bei meinen Eltern vergessen. Das machte aber nichts, denn immer wenn ich zu Besuch war, habe ich ein paar Kapitel gelesen. Dafür ist genau das richtige: drei oder vier Seiten über jede Stadt. Seitdem weiß ich auch, wo Hildesheim liegt, und Krefeld und dass der "Kleine Feigling" aus Eckernförde kommt.
"In meinem kleinen Land" ist ideal für zwischendurch. Heute ein paar Kapitel, die nächsten erst in Tagen oder Wochen lesen – kein Problem, denn es ist kurzweilig und verdammt witzig. Zum Beispiel der Text über Tübingen:
Tübingen gilt als evangelisch, der Ort der abendlichen Lesung hingegen ist eine katholische Hochburg: Rottenburg. Das merkt man schon daran, dass hier für Fastnacht geschmückt wurde, wovon in Tübingen nicht zu sehen war. Tübinger Evangelen knacken an Karneval Walnüsse und trinken mehr Holundersaft, in den sie, damit es mehr kickt, Sprudel mischen.
Jan Weiler, In meinem kleinen Land, Rowohlt Taschenbuch Verlag
Deutschland auf der Couch
Veröffentlicht am | 18. 02. 2009 | Noch kein Kommentar
“Wenn einer 60 wird, den 20. Hochzeitstag feiert und trotzdem das brüchige Selbstbewusstsein eines Teenagers hat – er wäre ein klarer Fall für die Psychocouch. Was aber, wenn die Beschreibung nicht auf einen Einzelnen zutrifft, sondern auf ein ganzes Volk?”
Der Schweizer Journalist Sascha Buchbinder legt die Deutschen auf die Couch und untersucht sie und ihre Minderwertigkeitskomplexe. Denn diese Komplexe sind es, die Patriotismus unmöglich machen. Natürlich spielt das dritte Reich in diesem Zusammenhang eine große Rolle, doch Buchbinder hat noch mehr Beispiele aus 2000 Jahren deutscher Geschichte parat.
Das größte Problem der Deutsche ist aus Sicht des Autors, dass es nur eines gibt, worauf die Deutschen wirklich stolz sind: Die Wirtschaft, der ungeheure Aufstieg nach dem 2. Weltkrieg, die D-Mark – im Kern: die soziale Marktwirtschaft. So schreibt der Buchbinder:
“Die Hungrigen, die Fensterkitt frassen, gelangten zu Wohlstand, zum Toast Hawaii, fanden zur Überflussgesellschaft der weiss gedeckten Tische mit Schälchen voll Himalaja-Salz. Erhards Programm kurbelte die Wirtschaft an, war die Initialzündung für das sogenannte Wirtschaftswunder. Zugleich wurde der Sozialstaat immer üppiger ausgebaut. «Wohlstand für alle!» lautet das Versprechen, das sich vor den Kriegsruinen leuchtend abhob. Deutschland machte Schluss mit der Droge Nationalismus, dem die Gesellschaft so fatal verfallen war und begnügte sich mit dem Stolz auf seine wirtschaftliche Tüchtigkeit.”
Ob und wieviel von Buchbinders Theorien wirklich stimmt, ist wohl Ansichtssache. Im jeden Falle, ist die seine Analyse unterhaltsam und ironisch geschrieben und hat zumindest einen wahren Kern.
Veröffentlicht wurde der Text im “Das Magazin”, der wöchentlichen Beilage des «Tages-Anzeigers», der «Basler Zeitung», der «Berner Zeitung» und des «Solothurner Tagblatts». Ich kenne weder die drei Städte, noch ihre Zeitungen, dennoch habe ich “Das Magazin” zu schätzen gelernt. Zum einen ist es sehr Internet-affin: Die Website hat die Optik eines Blogs und das Internet als Diskussionsthema findet oft ins Heft. Zum anderen habe ich schon oft wirklich tolle Reportagen (hier oder hier) gelesen. Ich muss zugeben, dass bisher mich vor allem übersetzte Geschichten aus ausländischen Zeitschriften überzeugt haben, wie die des Hochstaplers Frédéric Bourdin.
By the way: “Das Magazin” ist echt ein bescheuerter Name. Ok, Süddeutsche Magazin, ZEIT Magazin etc. sind auch nicht unbedingt viel besser. Doch immerhin haben sie noch ein Alleinstellungsmerkmal und ich muss den Namen nicht ständig in Anführungszeichen schreiben.
Xitele Bu Hao
Veröffentlicht am | 10. 12. 2008 | Noch kein Kommentar
"Xitele Xitele", schrieen sie oft, sprangen auf und rissen ihren rechten Arm hoch. Oftmals wiederholte sich diese Szene, wenn ich sagte, woher ich kam. "Xitele bu hao", antwortete ich dann. " Hitler nicht gut." Warum er nicht gut war? Leider konnte ich das mit meinem sehr begrenzten Wortschatz nicht beantworten. Nicht nur mir ging es so. Auch Christian Y. Schmidt erzählt in seinem Buch "Allein unter 1,3 Milliarden" davon und überlegt sich (hier in einem Auszug), wie dieser Unkenntnis in China entgegen gewirkt werden könnte:
Könnte da das Goethe-Institut nicht mal was machen? Zum Beispiel eine Milliarde Flugblätter drucken lassen, auf denen man den Chinesen in einfachen Worten erklärt, dass dieser Herr Xitele nicht nur ein großer Verbrecher war, sondern im Zweiten Weltkrieg auch ein großer Freund und Bundesgenosse der Chinesen metzelnden Japaner? Das wäre sicher sinnvoller, als immer nur Juli Zeh oder DJ Fix und Foxi nach Peking einfliegen zu lassen.
In den Medien spielt Deutschland vor allem auf dem Sportkanal eine Rolle. Fussball aus Europa ist sehr populär, Fussballspiele mit deutscher Beteiligung sah ich so oft wie zu Hause in Deutschland. Die Schweiz und Österreich wurden vor der EM vorgestellt. Ein chinesisch sprechender Österreicher reiste nach Wien, zeigte den Prater und Schloss Schönbrunn. Gelegentlich lachte mich Angela Merkel an, meist an der Seite von George W. Bush. Bekannt waren auch Bierkrüge und Ballack. Und Siemens. Nur einmal war in meinen neun Monaten Deutschland wichtiges Thema: Als die deutsche Regierung, die chinesische Politik in Tibet kritisierte.
Wie das Bild Deutschlands in den chinesischen Medien ist, kann ich nicht mehr sagen als: Überwiegend positiv. Aber Mark Siemons weiß es. Er schreibt die "Pekinger Bekanntmachungen". Er übersetzt, was die Pekinger Hauptstadtzeitung über Deutschland in Zeiten der Finanzkrise schreibt. Sie berichtet von Methoden, wie die Deutschen mit der Krise arrangieren: „Die Kunden drängen sich vor Ein-Euro-Läden".
Noch ist der Blog ganz frisch. Erst Anfang Dezmber veröffentlichte Siemons die ersten Beträge. Bis jetzt habe ich den Eindruck, als ob da ein neuer, qualitativ hochwertiges Blog über China im Aufbau ist.
Wechseln wir zum Abschluss mal kurz die Seite: Wieviel wissen wir schon über China? Irgendein Kaiser von China; Schwarzpulver erfunden; Mao; Fälschungen; kleine, geschminkte Mädchen, die bei Olympia Goldmedaillen gewinnen.
Tschechien: Billiges Benzin und Nutten?
Veröffentlicht am | 30. 07. 2007 | 5 Kommentare
Niederbayern und die Oberpfalz wollen nicht mehr Ostbayern heißen. Der Tourismusverband Ostbayern soll in Tourismusverband Niederbayern und Oberpfalz umbenannt werden und das Südostbayerische Städtetheater ist auf Namenssuche. Hinter dieser Entwicklung steht auch die Bevölkerung. Einer Radioumfrage nach lehnen 89 Prozent den Begriff “Ostbayern” ab. Er erinnere zu sehr an Ostzone, Ostmark (Gau im Nationalsozialismus) und Ost-Sibirien. (Quelle: SZ vom 24.7.07 )
Meines Erachtens geht die Ablehnung nicht nur gegen diese negativ besetzten Begriffe aus der Vergangenheit, sondern gegen den Osten an sich. Was ist der Osten? Asien? Russland? Nein, in Ostbayern ist der Osten Tschechien. Und damit will der gutbürgerliche Bayer nichts zu tun haben. Denn die Tschechen, das weiß ja jedes Kind, sind sowieso alle faul und kriminell noch dazu.
Das sieht jeder, der mal einen Ausflug ins Nachbarland macht: Einen Kilometer nach der Grenze nichts als Vietnamesenmärkte mit gefälschter Ware. CDs, DVDs, Dolche&Gabbana-Klamotten, Zigaretten. Und dazu ein paar grell geschminkte Frauen am Straßenrand. Sie tragen in Röcken, die kaum den String bedecken, und blasen dem treusorgenden, bayerischen Familienvater für 20 Euro einen. Grundsätzlich gibt es für den Bayern nur zwei Ausnahmen in diesem Elend jenseits der Grenze: Krumau (“Da wirkt alles so italienisch”) und Prag (“Der Tagesausflug kostet nur 45 Euro, inkl. Karlsbrücke und Kafka-Geburtshaus und ein uriges Wirtshaus mit billigem Bier”).
Diese Haltung breiter Bevölkerungsschichten bestätigt nur das, was den Politikern eigentlich insgeheim schon lange klar sein sollte: Die Vorteile der EU-Osterweiterung sind in den Köpfen der Ostbayern (und sicherlich nicht nur diesen) noch lange nicht angekommen. Noch immer sind die Tschechen die Schuldigen für die Arbeitslosen in der strukturschwachen Grenzregion. Doch halt: Welche Arbeitslosen? Im Landkreis Freyung-Grafenau am östlichen Zipfel Ostbayern/Niederbayerns, traditionell dem Armenhaus Deutschlands, suchen nur 4,9 Prozent der Arbeitsfähigen einen Job. Auch im Bayerischen Wald boomt also die Wirtschaft – trotz der Tschechen, die doch angeblich in Scharren über die Grenze kommen und dem braven Deutschen die Arbeit mit Dumping-Löhnen wegnehmen.
Wieso lehnen die Deutschen Tschechen so ab? Die Gründe müssen in der Geschichte gesucht werden. 50 Jahre lang trennten Grenzen mit Selbstschussanlagen Ostbayern und Tschechien. Nach Jahrhunderten des Zusammenlebens und des Handels existierten zwei Generationen voneinader nebeneinander, aber dennoch isoliert. Das hat natürlich Nachwirkungen: Die Nationen entfremden sich. Dazu kommen die Sudentendeutsche, die der alten Heimat nachtrauern und gleichzeitig die Tschechen, die ihnen das angetan haben, verdammen. Und so ihre Kinder beeinflussen. Doch nach der Öffnung der Grenzen waren sie es, die als erste wieder ins Nachbarland fuhren und die Orte ihrer Kindheit besuchten. Sie waren es, die als erste, zaghafte Kontakte aufnahmen.
Doch langsam ist eine Veränderung spürbar. Schüler belegen Tschechisch-Sprachkurse an den Schulen, die Kontakte zu tschechischen Partnerschulen werden intensiviert und die Regionen Bayerischer Wald (D), Böhmerwald (CZ) und Unterer Inn (Ö) haben sich zur Euregio zusammengeschlossen, die “grenzüberschreitende Völkerverständigung, wo früher Schlagbäume standen” zum Ziel hat. Die Politiker (zumindest die auf EU-Ebene) erkennen, dass ein Kirchturmdenken in einem vereinten Europa keine Zukunft hat. Tschechien wird zum gleichberechtigten Partner und ist nicht mehr das minderwertigere Nachbarland mit dem billigen Benzin.
Trotzdem wird es noch einige Jahrzehnte dauern bis das Verhältnis vorurteilsfrei oder doch zumindest respektvoll sein wird. Die zarten Annäherungsversuche der letzten Zeit spiegeln leider noch immer nicht die Stimmung vor Ort wieder. Sprüche und Witze auf Kosten der Tschechen sind an der Tagesordnung.
Es liegt an uns, der Jugend, etwas zu Verändern! Wir müssen den Mut aufzubringen nach Tschechien zu Reisen anstatt nach Italien. Ein Praktikum in Prag zu machen anstatt in London. Tschechisch als Fremdsprache zu wählen anstatt Spanisch. An Tschechien mehr zu sehen als die Schwarzmärkte und die Prostitution in den ersten Kilometern jenseits der Grenze.
Wir sind es, die unsere Zukunft gestalten. Lasst uns so handeln, damit wir, Deutsche und Tschechen, nicht nur wirtschaftliche Vorteile aus der europäischen Einigung ziehen, sondern auch Menschliche!
Solange das Erdöl fließt…
Veröffentlicht am | 30. 07. 2007 | 1 Kommentar
Sarkozys Geschäfte mit dem lybischen Diktator Gaddafi haben eine alte Diskussion wiederauflammen lassen: Wie sollen Demokratien mit Ländern umgehen, die es mit den Menschenrechten und der Rechtsstaatlichkeit nicht so eng sehen, umgehen?
Wie war es in der Vergangenheit? Schon immer haben Länder andere ausgenützt. Rom hatte seine Provinzen, im Imperialismus hatte jeder, der etwas auf sich hielt, eine Kolonie. Und im Kalten Krieg versuchten die beiden Blöcke ihr Einflussgebiet zu behalten oder, noch besser, zu vergrößern.
Die Amerikaner und die Sowjets teilten den Globus unter sich in gut und böse auf (Wer ist gut? Wer böse? Ansichtssache). Staat für Staat musste sich für eine Seite entscheiden. Die Wankelmütigen auf beiden Seiten mussten mit militärischen Konsequenzen rechnen.
Und heute?
Deutschland baggert Turkmenistan wegen seines Erdgases an. Der Präsident des zentralasiatischen Landes nennt sich “Turkmenbaschi” (Vater der Turkmenen) und fördert den Kult um seine Person so gut es geht. Das geht natürlich nur, wenn Abstriche in der Meinungsfreiheit gemacht werden.
Schröder bezeichnete Putin einst als “lupenreinen Demokraten”. Ich hoffe, er ist intelligent genug, das nicht wirklich zu glauben, sondern nur die Geschäfte um Ressourcen nicht zu gefährden. Denn schließlich kann über ein paar ermordete Journalisten und Oppositionelle hinwegblicken, solange das Öl fließt.
Mehr zum Thema findet sich bei spiegelfechter. Der Artikel “Sarkozys neuer Hurensohn” und die nachfolgende Diskussion sind sehr lesenwert und informativ.
