Eileen Chang: Gefahr und Begierde
Veröffentlicht am | 07. 08. 2008 | Noch kein Kommentar
Oder: Wie kleine Zufälle das Leben versüßen können
Ich liege entspannt auf dem Sofa und überfliege kurz den SPIEGEL der letzten Woche, bevor sein Schicksal den Müllentsorgungsfirmen übergeben wird. Dann, am Ende, in der Rubrik “Szene”: Einspaltiger Artikel, Überschrift: “Shanghai in Krieg und Liebe.” Wie immer, China - das zieht meine Aufmerksamkeit an. Eileen Changs Roman wurde ins Deutsche übersetzt. Dann sehe ich das Buchcover. Irgendwie kommt mir das bekannt vor!
10 Minuten später: Ich hab’s! Ich schnappe mir ein Buch, vergleiche die chinesischen Schriftzeichen: Eindeutig! Ich hab ein Buch von Eileen Chang zu Hause. Liebe Leser, ihr fragt euch vielleicht, wieso mich das so freut.
Die Antwort: Während meiner Monate in China lernte ich ein Mädchen kennen. Sie studiert Arabisch und ihre Leidenschaft ist Literatur. Lange unterhielten wir uns: Über Orhan Pamuks “Rot ist mein Name” oder Goethe . Am Ende der Ferien, bevor sie wieder zu ihrem Studienort am anderen Ende Chinas aufbrach (ich konnte mir die Stadt nicht merken), schenkte sie mir ein Buch. Es sei eine ihrer Lieblingschriftstellerin, ihre Bücher in China Klassiker und vor allem bei den Jüngeren beliebt. Ich freue mich, finde es jedoch schade, dass ich es nicht lesen kann. Aber ein schönes Souvenir ist es trotzdem.
Und jetzt das: Der erste Band “Gefahr und Begierde” wurde ins Deutsche übersetzt. Die Rezensenten sind begeistert, z.B. taz:
Kniffeliger Geschlechterkampf, in dem Blut, Schweiß und Tränen fließen, das ist der Stoff, aus dem nach Ansicht der begeisterten Rezensentin Susanne Messmer Eileen Changs Literatur gemacht ist, die mit diesem Erzählungsband nun endlich auch auf Deutsch zu entdecken sei. Chang werde im “angloamerikanische Raum” schon länger als “dichtende Garbo” kultisch verehrt. Zu Recht, wie man dem leidenschaftlichen Plädoyer der Rezensentin entnehmen kann, die diese Autorin für eine der interessantesten Erzählerinnen der klassischen chinesischen Moderne hält. Die Texte des Bandes bestächen mit Milieugenauigkeit und psychologischer Schärfe, mit der hier die Verwicklungen der Gefühle immer auch im Kontext von Geschlechter- und Klassenverhältnissen geschildert würden. Schonungslos bitterböse Prosa also, wie die Rezensentin genüsslich notiert.
Ang Lee hat den Stoff verfilmt. Leider kenne ich den Film nicht. Ich freue mich, werde das Buch schnellstmöglich lesen, den Film ansehen und auf die Übersetzung des zweiten Bandes hoffen!
Im anglo-amerikanischen Raum sind die Bücher seit langem übersetzt und geschätzt; ich könnte also die englische Version lesen. Doch mein Problem ist, dass ich nicht weiß, wie der Titel “meines Buches” ist. Die englischsprachigen Ausgaben haben - im Gegensatz zur ersten deutschen Übersetzung - das chinesische Buchcover nicht übernommen.
Ich freue mich, dieses Buch auch bald lesen zu können und zufällig von der Übersetzung erfahren zu haben. Oh, wie schön sind Zufälle!
Die Leidenschaft Lesen
Veröffentlicht am | 14. 04. 2008 | Noch kein Kommentar
Von dem Gefühl in Büchern zu versinken
Meist passiert es am Anfang. Manchmal dagegen braucht es einen zweiten Anlauf. Es braucht einfach dieses wunderbare Gefühl, ein ganz besonderes Buch gefunden zu haben. So entsteht ein Zwiespalt: Einerseits will ich die Seiten verschlingen, so schnell wie möglich das Ende der Geschichte kennen und bis dahin das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Andererseits will ich jedes Wort ganz bewusst aufnehmen, lese Absätze immer und immer wieder und will so das unvermeidbare Ende so lange wie möglich hinauszögern. Habe ich eine solche Lektüre gefunden, ziehe ich sie allem anderen vor: arbeiten, essen, schlafen,
Wie findet man diese wunderbaren Bücher mit ihren Geschichten, die mich völlig in ihren Bann ziehen? Doch welche Bücher sind das? Sie sind wahrlich schwer zu finden. Das letzte Buch, das ich in die Kategorie eines tollen Buches, das mich völlig ergriffen hat, ist “Nachtzug nach Lissabon” von Pascal Mercier. Irgendwie wusste ich das bereits vorher. Welchen Schatz ich mit “Kafka am Strand” von Haruki Murakami im Bücherregal stehen hatte, war mir dagegen nicht von Anfang an klar. Beim ersten Anlauf vor zwei Jahren legte ich das Buch nach 35 Seiten weg. Als ich in China das zweite Mal begann, las ich es in einem Zug aus. (Ist es Zufall, dass genau diese zwei Bücher von der Leidenschaft zum Lesen handeln?).
Was braucht ein solches Buch? Meiner Erfahrung nach sind es keine Thriller oder Krimis, keine reine Unterhaltungsliteratur. Es sind Bücher, die oft vom Sinn des Lebens handeln, von Menschen, die ihr Leben komplett umkrempeln oder einfach Geschichten, die in mein Leben passen - oder eben doch ganz anders sind. Im Grunde kann ich nicht genau sagen, was genau sie ausmacht, wenngleich ich oft schon in der Buchhandlung bzw. Bücherei merke, wann eine Geschichte das Potenzial hat, mich ganz und gar zu vereinnahmen.
Warum suche ich also nicht konkret nur nach solchen Büchern? Das ist ganz einfach. Lesen ist stimmungsabhängig. Konnte ich in Deutschland mit “Kafka am Strand” nichts anfangen, legte ich es in China nicht mehr aus der Hand. Außerdem: Ein solches Buch ist etwas ganz besonderes. Etwas, das umso schöner ist, wenn man es nicht immer zur Verfügung hat. Denn Verzicht ist Genuss.
“Vienna” von Eva Menasse
Veröffentlicht am | 28. 02. 2008 | Noch kein Kommentar
“Mein Vater war eine Sturzgeburt.” Mit diesem Satz beginnt der Roman “Vienna” von Eva Menasse. Und wie der Vater ins Leben stürzt, so wird der Leser mitten in die Geschichte einer jüdischen Familie in Wien hineingeworfen.
Die Protagonisten tragen, bis auf wenige Ausnahmen, keine Namen und bis man den Überblick im Gewirr von Großvater, Onkel, Bruder, Tante und verschiedenen Ehefrauen, die durchnummeriert werden, gefunden hat, dauert es eine Weile. Doch es ist interessant, Menasse springt in den Zeiten hin und her: Ist man in einem Moment noch im Wien der Naziherrschaft, so findet sich der Leser im nächsten Moment in den 50er und 60er Jahren wieder, als der Vater des Ich-Erzählers Profifussballer war. So geht es hin und her, vorwärts und wieder zurück und langsam fügt sich die Familiengeschichte zusammen wie ein Puzzle.
“Ich habe bis heute die ältesten Geschichten am liebsten. Sie sind am offensten und am verheissungsvollsten, weil ihr wahrer Kern so verschwindend weit zurückliegt und deshalb fast alles erlaubt ist.” (S. 373)
Der Rahmen des Romans sind Familientreffen, bei denen die Geschichte derselben immer und immer wieder erzählt wird und zum hundertstenmal über diesselben Anekdoten gelacht wird. Das ist wirklich sehr unterhaltsamn und erinnert mich an Romane von John Irving. Auch in seinen Büchern gibt es solch skurile Personen und komische Geschichten.

In der zweiten Hälfte des Buches ändert sich der Ton. Alle lustigen Geschichten sind erzählt, es wird ernster und politischer. Wie ergeht es der Familie im Nachkriegsösterreich? Wie richtet sich eine Familie ein, für die ihre Religion nie eine Rolle spielte, die sich jedoch plötzlich in der Gesellschaft immer als Juden und Opfer definieren muss oder soll?
Dieser Prozess gipfelt darin, dass der Bruder ein “richtiger” Jude, also gläubig, werden und in die Gemeinde eintreten will, ihm das jedoch verwehrt wird, weil er keine jüdische Mutter hat. Andererseits hätten seine Großeltern ohne seine nicht-jüdische Großmutter wohl den Krieg nicht überlebt.
Nach den ersten 50 Seiten zog ich ein vorschnelles Urteil, indem ich es als eines der besten und witzigsten Bücher, die ich je gelesen habe, titulierte. Das muss ich nun zurücknehmen. Sicherlich, das Buch ist unterhaltsam, lustig und gibt einen Einblick in die österreichische Mentalität. Doch die Leichtigkeit der ersten Hälfte geht später fast vollends verloren und die Wendung ins Ernshafte bringt einigen Längen mit sich.
Trotzdem, es ist wert dieses Buch zu lesen. Alleine wegen Passagen wie dieser, über den Großvater während der Naziherrschaft:
“Regel Nummer eins: Die reichsdeutsche Hundemarke bei den Gelegenheiten, wo man Grund hat, sie nicht zu tragen, auch nicht mitführen, natürlich nicht. Regel Nummer zwei: Auch keinen Ausweis mithaben. Das war zwar verboten, aber im Kaffeehaus sitzen und Bridge spielen war noch viel verbotener. Ein “vergessener Ausweis” verzögerte die Angelegenheit in jedem Fall, und mit ein bisschen Frechheit und Glück hatte man noch Chancen. Aber die Hundemarke oder der Ausweis in der Tasche klärten alle Fragen schlagartig, und das Spiel war aus. Dass die Leute das nicht begriffen! Mein Großvater schüttelte den Kopf. Der Pritschenwagen fuhr ab. Vor dem ‘Johann Strauß’ floß der Novembernebel wieder zusammen. “Wer spielt aus?”, fragte mein Großvater.” (S. 86)
Eva Menasse, Vienna; btb-Verlag; ISBN: 978-3-442-73253-1
Keine Aktualität beim Lonely Planet
Veröffentlicht am | 23. 05. 2007 | Noch kein Kommentar
Lonely Planet sieht sich gerne als der beste und aktuellste Reiseführer für Rucksackreisende. Die Beliebtheit der Bücher bestätigt diese Sicht.
Nur auf der deutschen Internetseite nimmt man es mit der Aktualität nicht so genau. Dort ist Silvio Berlusconi noch immer italienischer Ministerpräsident, obwohl seit immerhin einem Jahr Romano Prodi das Amt bekleidet.
Elementarteilchen
Veröffentlicht am | 21. 05. 2007 | Noch kein Kommentar
Zur Feier des Tages (letzte schriftliche Abiturprüfung) hab ich mir endlich mal wieder ein Buch gegönnt. Habe mich nach längerem hin und dann herüberlegen für Elementarteilchen von Michel Houellebecq. Das ist eines der Bücher, von denen ich ständig höre (Sex, Houellebecq als eine Art bad boy des Literaturbetriebs), immer wieder im Laden siehe und mich dann doch für ein anderes entscheide. Nach den ersten paar Seiten bin ich ganz zuversichtlich, dass auch der Rest noch sehr unterhaltsam sein wird.