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Crossing California von Adam Langer

Veröffentlicht am | 20. 03. 2010 | Noch kein Kommentar

Crossing California erzählt die Geschichte dreier Familien, die in West Rogers Park, einem jüdisch-afroamerikanischen Viertel in Chicago Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre leben.

crossingcalifornia Die Rovners sind eine gut situierte jüdische Familie, der Mann Arzt, die Frau Psychologin. Doch eigentlich leben sie alle nebeneinander her. Die Eltern haben sich eigentlich nichts mehr zu sagen und ihre Hochzeit nur Folge von Ellens Schwangerschaft (außerdem vermutet Ellen, dass ihr Mann eigentlich schwul sei). Larry, der Sohn, arbeitet wie verrückt an seiner Rockkarriere mit jüdisch-orthodoxen Songs und seinem ersten Geschlechtsverkehr, zumindest auf amerikanischen Boden (während einer Reise nach Israel wurde er überraschend entjungfert). Seine jüngere Schwester Lana, rassistisch und egomanisch, will einfach um jeden Preis Aufmerksamkeit.

Jill, Michelle und ihr Vater Charlie Wasserstrom versuchen sich mit ihrem Leben zu arrangieren, seitdem die Mutter/Ehefrau tot ist. Charlie versucht die Familie mit schlecht bezahlten Jobs in Restaurants über Wasser zu halten. Michelle, 16 Jahre alt, will Schauspielerin werden und vertreibt sich mit Saufen, Kiffen und Ficken die Zeit, während die 12-jährige Jill sich vor allem mit Politik und beschäftigt und ihren Vater ihre Bat-Mizwa auszureden versucht.

Und dann gibt es noch Muley Wills. Er lebt mit seiner Mutter und versucht durch Preisausschreiben, Mal-, Foto- oder sonstigen Wettbewerben für Kinder und dem Bauen von Radios genug Geld zusammenzubekommen, damit seine Mutter ihren Collegeabschluss nachholen kann und nicht weiterhin als Putzfrau bei den Rovners arbeiten zu müssen.

Der Hintergrund von Adam Langers Roman sind die 444 Tage der Geiselnahme von Teheran, von November 1979 bis Januar 1981, was aber keine Rolle spielt, außer, dass es einen zeitlichen Rahmen vorgibt. Im Mikrokosmos der California und Western Avenue ist jeder Protagonist mittelbar oder unmittelbar mit allen anderen verbunden: Die Mutter Muleys ist Putzfrau bei den Rovner, Jill und Lana kennen sich aus der hebräischen Schule, Charlie lernt Gail kennen, die Ex-Frau des Komikers Lennie, mit dem Muley bei einer Radiosendung arbeitet usw usf.

Die Erlebnisse der Rovners, Wasserstroms und Wills’ sind eigentlich ganz banal und gerade deshalb so realistisch. Langer beschreibt das mit mit einer Menge Witz und beiläufigen Bemerkungen, die mich sehr oft zum Schmunzeln oder gar lautem (!) Lachen gebracht haben. Auf dem Buchrücken steht: “Wer Franzens Korrekturen mochte, wird Langer lieben”. Es wird also Zeit, dass ich “Die Korrekturen” lese.

Hier noch ein wahllos ausgewähltes Zitat:

“Straight Arrow, wie er sich von den Schülern gern nennen ließ, ein ehemaliger Wettkampfschwimmer, stammte aus Bourbonnais unten im Süden von Illinois und galt, obwohl er erst vierundzwanzig war, als begabtester Trainer an der Mather. Was jedoch Gesundheitslehre betraf, so schien er sehr viel weniger von Drogen und Sex zu wissen als seine Schüler, obwohl er schon Vater dreier Söhne war. Mit seinem unschuldigen Bauernjungenlächeln und den ständig wechselnden, mit erbaulichen Sprüchen bedruckten T-Shirts (“Gott mit uns”, “Frag nach Gott” oder “Gott kommt zu dir”) war er für die Klasse voller Pot rauchender, Cheap Trick hörender, vögelnder und/oder onanierender Juden und Katholiken eine unerschöpfliche Quelle des Staunens und Vergnügens.”

Adam Langer, Crossing California

In meinem kleinen Land

Veröffentlicht am | 07. 02. 2010 | Noch kein Kommentar

Jan Weiler ist der Autor von "Maria ihm schmeckt’s nicht". Nach der Veröffentlichung des Buches ging er auf Lesereise durch Deutschland und schrieb darüber: über Hotelzimmer, Züge und Buchhandlungen, Dome (stimmt der Plural?) und Fussgängerzonen. Ein neutrales Urteil über Städte nach nur einem Tag zu fällen, ist natürlich nicht wirklich möglich, aber das macht nichts. Weiler schreibt seine Erlebnisse und Beobachtungen auf und dabei kommt die eine Stadt halt besser weg, als die andere. 

In seinem Vorwort trifft Jan Weiler den Nagel auf den Kopf:

"Man traut es sich beinahe nicht zu formulieren, aber im Großen und Ganzen haben wir es nicht schlecht getroffen.

Dass dieser Befund so schwerfällt, hat mir meiner Generation zu tun. Wir sind kritisch aufgewachsen: konsumkritisch, religionskritisch, politkritisch, kulturkritisch. Unser Land zu mögen finden wir nationalistisch, unsere Sprache peinlich, den Deutschen an sich unerträglich, besonders im Urlaub. Das ist auch sehr ehrenwert, führt aber zu keiner sonderlich tiefen Identifikation mit unserem Land. Ging mir auch so. Aber es hat sich geändert.

Ob ich nach dieser Reise ein Patriot bin? Nein. Aber es gefällt mir hier. Ich bin ganz und gar nicht stolz darauf Deutscher zu sein, aber ich bin es gerne, weil mein Land friedlich ist und schön und weil ich die Deutschen mag, nachdem ich ziemlich viele von ihnen getroffen habe. "

Das Buch habe ich bei meinen Eltern vergessen. Das machte aber nichts, denn immer wenn ich zu Besuch war, habe ich ein paar Kapitel gelesen. Dafür ist genau das richtige: drei oder vier Seiten über jede Stadt. Seitdem weiß ich auch, wo Hildesheim liegt, und Krefeld und dass der "Kleine Feigling" aus Eckernförde kommt.

"In meinem kleinen Land" ist ideal für zwischendurch. Heute ein paar Kapitel, die nächsten erst in Tagen oder Wochen lesen – kein Problem, denn es ist kurzweilig und verdammt witzig. Zum Beispiel der Text über Tübingen:

Tübingen gilt als evangelisch, der Ort der abendlichen Lesung hingegen ist eine katholische Hochburg: Rottenburg. Das merkt man schon daran, dass hier für Fastnacht geschmückt wurde, wovon in Tübingen nicht zu sehen war. Tübinger Evangelen knacken an Karneval Walnüsse und trinken mehr Holundersaft, in den sie, damit es mehr kickt, Sprudel mischen.

 

Jan Weiler, In meinem kleinen Land, Rowohlt Taschenbuch Verlag 

“Der Gott der kleinen Dinge” von Arundhati Roy

Veröffentlicht am | 16. 09. 2009 | 4 Kommentare

Es gibt Bücher, bei denen weiß ich bereits nach ein paar Seiten, dass sie zu meinen Lieblingsbüchern gehören werden und ich sie immer wieder lesen werde. “Der Gott der kleinen Dinge” von Arundhati Roy ist so ein Buch.

Die Geschichte handelt von einer indischen Familie in den 60er Jahren in politisch unruhigen Zeiten und einer Katastrophe, die das Leben der Beteiligten entweder beendet oder komplett verändert. Im Mittelpunkt stehen die zweieiigen Zwillinge Estha und Rahel, die als umgekehrte siamesische Zwillinge beschrieben werden: Zwei Körper, aber ein Geist. Doch das Schicksal will es, dass die beiden getrennt werden (“Estha wird zurückgegeben”) und sich erst Jahre später wieder sehen.

Die Tragödie ist im ganzen Buch durch Rückblenden und Andeutungen präsent. Dieser ungewöhnliche Aufbau macht das Buch spannend: Das Ergebnis ist längst bekannt – getrennte Zwillinge, zwei Tote, das Ende einer glanzvollen Familie im Süden Indiens -, bis ich den Auslöser des Ganzen erahnte.

Arundhati Roy ist die poetische Erzählerin einer großen Geschichte. Einer Geschichte über die essentiellen Dinge des Lebens: Liebe und Hass, Rivalität und Verlust. Hintergrund sind in dem halb-biographischen Roman die 60er Jahre, die politisch vom Kommunismus und dem entwürdigendem Kastensystem geprägt waren. Zu kommt der schwelende Konflikt zwischen der christlichen Oberschicht und der hinduistischen Unterschicht, der auch nach der Unabhängigkeit Indiens noch immer die kolonialen Machtverhältnisse darstellte.

Mein Tipp: Unbedingt lesen. Warum? Roy gibt in ihrem Roman selbst die Antwort:

“Die großen Geschichten sind die, die man gehört hat und wieder hören will. Die man überall betreten und bequem bewohnen kann. Sie führen einen nicht mit Nervenkitzel und einem unerwartenden Ende hinters Licht. Sie überraschen einen nicht mit Unvorhergesehenem. Sie sind einem so vertraut wie das Haus, in dem man lebt. Oder wie der Geruch der Haut des Geliebten. Man weiß wie sie enden, aber man hört zu, als wüsste man es nicht. So wie man, obwohl man weiß, dass man eines Tages sterben wird, lebt, als wüsste man es nicht.”

Rafik Schami erzählt “Das Geheimnis des Kalligraphen”

Veröffentlicht am | 01. 02. 2009 | 1 Kommentar

Erst vor kurzem schwärmte ich über den Schriftsteller Rafik Schami und seiner Erzählweise. Denn er versteht sich weniger als Schreiber, denn als Geschichtenerzähler in der Tradition von 1001 Nacht.

Unter Beweis stellt er das auf zehnseiten.de. Dort lesen verschiedene Schriftsteller zehn Seiten aus einem ihrer Bücher vor. Die Videos sind einfach gehalten: schwarz-weiß und Nahaufnahme, denn der Fokus liegt klar auf den Worten. “Ich bin ein mündlicher Erzähler und habe diese Traditon nach Europa gebracht”, sagt Rafik Schami in einem anderen Video. Was er damit meint, zeigt er auf zehnseiten.de. Er liest nicht, wie alle anderen Autoren aus einem Buch oder von einem Zettel. Stattdessen trägt er frei vor, gestikuliert und sieht direkt in die Kamera hinein und damit den Zuschauer an. Und der wichtigste Punkt: Er liest nicht, er erzählt!

Wie spricht er eigentlich die Hörbücher nicht selbst?

Zum Video auf zehnseiten.de

Rafik Schami und die Lust am Lesen

Veröffentlicht am | 14. 01. 2009 | 6 Kommentare

Rafik Schami ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Aber auch ein leidenschaftlicher Leser. In einem Video von lit.COLONY berichtet er davon, wie er als Junge allabendlich 23.30 Uhr am Radio die Geschichte von 1001 Nacht hörte – 1001 Nächte lang. Diese Liebe zum Wort ist bis heute geblieben, die er ansteckend und mit unbeschreiblichen Begeistert darstellt.

Wer nach diesem überzeugendem Plädoyer für das Lesen von Schami begeistert ist, dem kann ich seinen Roman "Die dunkle Seite der Liebe" empfehlen.

Rafik Schami – Die dunkle Seite der Liebe

Romeo und Julia im Syrien des 20. Jahrhunderts. Rana und Farid lieben sich, doch sie sind beide Christen: Einer katholisch, eine orthodox. Doch das ist fast noch schlimmer als christlich und muslimisch.

Schami erzählt von zwei Familien, ihren Ursprüngen, ihrer Feindschaft und das Leid, das sie übereinander brachten. Immer wieder beeinflussten die politisch unruhigen Zeiten in Syrien die Familienfehde. In diesem Chaos kämpfen Rana und Farid für ihre Liebe. Doch Rafik Schami schrieb auch eine Geschichte Damaskus. "Damaskus ist keine Stadt, kein Fleck auf einem Atlas, sondern ein Märchen, das sich in Häuser und Gassen, Geschichten und Gerüche kleidet", schwärmt Schami.

Der ganze Roman spinnt sich um Damaskus. In meinem Kopf ist ein Bild ist das Bild einer wunderschönen und lebendigen Stadt mit ihren Gerüchen und Farben entstanden. "Die dunkle Seite der Liebe" ist ein langes, aber wunderschönes Buch einer Liebe, die alle Hürden des Glaubens, des Todes und des Krieges überwindet.

(via)

Eileen Chang: Gefahr und Begierde

Veröffentlicht am | 07. 08. 2008 | 1 Kommentar

Oder: Wie kleine Zufälle das Leben versüßen können

Ich liege entspannt auf dem Sofa und überfliege kurz den SPIEGEL der letzten Woche, bevor sein Schicksal den Müllentsorgungsfirmen übergeben wird. Dann, am Ende, in der Rubrik “Szene”: Einspaltiger Artikel, Überschrift: “Shanghai in Krieg und Liebe.” Wie immer, China – das zieht meine Aufmerksamkeit an. Eileen Changs Roman wurde ins Deutsche übersetzt. Dann sehe ich das Buchcover. Irgendwie kommt mir das bekannt vor!

10 Minuten später: Ich hab’s! Ich schnappe mir ein Buch, vergleiche die chinesischen Schriftzeichen: Eindeutig! Ich hab ein Buch von Eileen Chang zu Hause. Liebe Leser, ihr fragt euch vielleicht, wieso mich das so freut.

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Die Antwort: Während meiner Monate in China lernte ich ein Mädchen kennen. Sie studiert Arabisch und ihre Leidenschaft ist Literatur. Lange unterhielten wir uns: Über Orhan Pamuks “Rot ist mein Name” oder Goethe . Am Ende der Ferien, bevor sie wieder zu ihrem Studienort am anderen Ende Chinas aufbrach (ich konnte mir die Stadt nicht merken), schenkte sie mir ein Buch. Es sei eine ihrer Lieblingschriftstellerin, ihre Bücher in China Klassiker und vor allem bei den Jüngeren beliebt. Ich freue mich, finde es jedoch schade, dass ich es nicht lesen kann. Aber ein schönes Souvenir ist es trotzdem.

Und jetzt das: Der erste Band “Gefahr und Begierde” wurde ins Deutsche übersetzt. Die Rezensenten sind begeistert, z.B. taz:

Kniffeliger Geschlechterkampf, in dem Blut, Schweiß und Tränen fließen, das ist der Stoff, aus dem nach Ansicht der begeisterten Rezensentin Susanne Messmer Eileen Changs Literatur gemacht ist, die mit diesem Erzählungsband nun endlich auch auf Deutsch zu entdecken sei. Chang werde im “angloamerikanische Raum” schon länger als “dichtende Garbo” kultisch verehrt. Zu Recht, wie man dem leidenschaftlichen Plädoyer der Rezensentin entnehmen kann, die diese Autorin für eine der interessantesten Erzählerinnen der klassischen chinesischen Moderne hält. Die Texte des Bandes bestächen mit Milieugenauigkeit und psychologischer Schärfe, mit der hier die Verwicklungen der Gefühle immer auch im Kontext von Geschlechter- und Klassenverhältnissen geschildert würden. Schonungslos bitterböse Prosa also, wie die Rezensentin genüsslich notiert.

Ang Lee hat den Stoff verfilmt. Leider kenne ich den Film nicht. Ich freue mich, werde das Buch schnellstmöglich lesen, den Film ansehen und auf die Übersetzung des zweiten Bandes hoffen!

Im anglo-amerikanischen Raum sind die Bücher seit langem übersetzt und geschätzt; ich könnte also die englische Version lesen. Doch mein Problem ist, dass ich nicht weiß, wie der Titel “meines Buches” ist. Die englischsprachigen Ausgaben haben – im Gegensatz zur ersten deutschen Übersetzung – das chinesische Buchcover nicht übernommen.

Ich freue mich, dieses Buch auch bald lesen zu können und zufällig von der Übersetzung erfahren zu haben. Oh, wie schön sind Zufälle!

Die Leidenschaft Lesen

Veröffentlicht am | 14. 04. 2008 | 1 Kommentar

Von dem Gefühl in Büchern zu versinken

Meist passiert es am Anfang. Manchmal dagegen braucht es einen zweiten Anlauf. Es braucht einfach dieses wunderbare Gefühl, ein ganz besonderes Buch gefunden zu haben. So entsteht ein Zwiespalt: Einerseits will ich die Seiten verschlingen, so schnell wie möglich das Ende der Geschichte kennen und bis dahin das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Andererseits will ich jedes Wort ganz bewusst aufnehmen, lese Absätze immer und immer wieder und will so das unvermeidbare Ende so lange wie möglich hinauszögern. Habe ich eine solche Lektüre gefunden, ziehe ich sie allem anderen vor: arbeiten, essen, schlafen,

Wie findet man diese wunderbaren Bücher mit ihren Geschichten, die mich völlig in ihren Bann ziehen? Doch welche Bücher sind das? Sie sind wahrlich schwer zu finden. Das letzte Buch, das ich in die Kategorie eines tollen Buches, das mich völlig ergriffen hat, ist “Nachtzug nach Lissabon” von Pascal Mercier. Irgendwie wusste ich das bereits vorher. Welchen Schatz ich mit “Kafka am Strand” von Haruki Murakami im Bücherregal stehen hatte, war mir dagegen nicht von Anfang an klar. Beim ersten Anlauf vor zwei Jahren legte ich das Buch nach 35 Seiten weg. Als ich in China das zweite Mal begann, las ich es in einem Zug aus. (Ist es Zufall, dass genau diese zwei Bücher von der Leidenschaft zum Lesen handeln?).

Was braucht ein solches Buch? Meiner Erfahrung nach sind es keine Thriller oder Krimis, keine reine Unterhaltungsliteratur. Es sind Bücher, die oft vom Sinn des Lebens handeln, von Menschen, die ihr Leben komplett umkrempeln oder einfach Geschichten, die in mein Leben passen – oder eben doch ganz anders sind. Im Grunde kann ich nicht genau sagen, was genau sie ausmacht, wenngleich ich oft schon in der Buchhandlung bzw. Bücherei merke, wann eine Geschichte das Potenzial hat, mich ganz und gar zu vereinnahmen.

Warum suche ich also nicht konkret nur nach solchen Büchern? Das ist ganz einfach. Lesen ist stimmungsabhängig. Konnte ich in Deutschland mit “Kafka am Strand” nichts anfangen, legte ich es in China nicht mehr aus der Hand. Außerdem: Ein solches Buch ist etwas ganz besonderes. Etwas, das umso schöner ist, wenn man es nicht immer zur Verfügung hat. Denn Verzicht ist Genuss.

“Vienna” von Eva Menasse

Veröffentlicht am | 28. 02. 2008 | Noch kein Kommentar

“Mein Vater war eine Sturzgeburt.” Mit diesem Satz beginnt der Roman “Vienna” von Eva Menasse. Und wie der Vater ins Leben stürzt, so wird der Leser mitten in die Geschichte einer jüdischen Familie in Wien hineingeworfen.

Die Protagonisten tragen, bis auf wenige Ausnahmen, keine Namen und bis man den Überblick im Gewirr von Großvater, Onkel, Bruder, Tante und verschiedenen Ehefrauen, die durchnummeriert werden, gefunden hat, dauert es eine Weile. Doch es ist interessant, Menasse springt in den Zeiten hin und her: Ist man in einem Moment noch im Wien der Naziherrschaft, so findet sich der Leser im nächsten Moment in den 50er und 60er Jahren wieder, als der Vater des Ich-Erzählers Profifussballer war. So geht es hin und her, vorwärts und wieder zurück und langsam fügt sich die Familiengeschichte zusammen wie ein Puzzle.

“Ich habe bis heute die ältesten Geschichten am liebsten. Sie sind am offensten und am verheissungsvollsten, weil ihr wahrer Kern so verschwindend weit zurückliegt und deshalb fast alles erlaubt ist.” (S. 373)

Der Rahmen des Romans sind Familientreffen, bei denen die Geschichte derselben immer und immer wieder erzählt wird und zum hundertstenmal über diesselben Anekdoten gelacht wird. Das ist wirklich sehr unterhaltsamn und erinnert mich an Romane von John Irving. Auch in seinen Büchern gibt es solch skurile Personen und komische Geschichten.

Vienna

In der zweiten Hälfte des Buches ändert sich der Ton. Alle lustigen Geschichten sind erzählt, es wird ernster und politischer. Wie ergeht es der Familie im Nachkriegsösterreich? Wie richtet sich eine Familie ein, für die ihre Religion nie eine Rolle spielte, die sich jedoch plötzlich in der Gesellschaft immer als Juden und Opfer definieren muss oder soll?

Dieser Prozess gipfelt darin, dass der Bruder ein “richtiger” Jude, also gläubig, werden und in die Gemeinde eintreten will, ihm das jedoch verwehrt wird, weil er keine jüdische Mutter hat. Andererseits hätten seine Großeltern ohne seine nicht-jüdische Großmutter wohl den Krieg nicht überlebt.

Nach den ersten 50 Seiten zog ich ein vorschnelles Urteil, indem ich es als eines der besten und witzigsten Bücher, die ich je gelesen habe, titulierte. Das muss ich nun zurücknehmen. Sicherlich, das Buch ist unterhaltsam, lustig und gibt einen Einblick in die österreichische Mentalität. Doch die Leichtigkeit der ersten Hälfte geht später fast vollends verloren und die Wendung ins Ernshafte bringt einigen Längen mit sich.

Trotzdem, es ist wert dieses Buch zu lesen. Alleine wegen Passagen wie dieser, über den Großvater während der Naziherrschaft:

“Regel Nummer eins: Die reichsdeutsche Hundemarke bei den Gelegenheiten, wo man Grund hat, sie nicht zu tragen, auch nicht mitführen, natürlich nicht. Regel Nummer zwei: Auch keinen Ausweis mithaben. Das war zwar verboten, aber im Kaffeehaus sitzen und Bridge spielen war noch viel verbotener. Ein “vergessener Ausweis” verzögerte die Angelegenheit in jedem Fall, und mit ein bisschen Frechheit und Glück hatte man noch Chancen. Aber die Hundemarke oder der Ausweis in der Tasche klärten alle Fragen schlagartig, und das Spiel war aus. Dass die Leute das nicht begriffen! Mein Großvater schüttelte den Kopf. Der Pritschenwagen fuhr ab. Vor dem ‘Johann Strauß’ floß der Novembernebel wieder zusammen. “Wer spielt aus?”, fragte mein Großvater.” (S. 86)

Eva Menasse, Vienna; btb-Verlag; ISBN: 978-3-442-73253-1

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