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2. Oktober 2011 0

Strukturierte Prokrastination: Die Theorie und ihre Anwendung

Von Katharina in Unterwegs

Der folgende Artikel entsteht aus akuter Prokrastination. 

Prokrastination ist auch so eine Modeerscheinung, inzwischen schon ein wenig länger im Geschäft und wird langsam von Burn-out verdrängt. Prokrastination ihrerseits verwies zum Beispiel die Generation Praktikum in den Hintergrund. Texte und Videos dazu sind ein wunderbares Mittel um dieser Tätigkeit zu fröhnen. Ein besonders kluger Text dazu ist von dem amerikanischen Philosophie-Professor John Perry. “Structured Procrastination” heißt der Text, auf den mich der Lautschrift Franz (so ist er in meinem Kopf gespeichert) in den Kommentaren zu einem Video über P. hinwies. 

Dort erklärt er, was er mit dem strukturierten Aufschieben meint, und dass nicht ganz so unlogisch ist, wie es klingt:

“The key idea is that procrastinating does not mean doing absolutely nothing. Procrastinators seldom do absolutely nothing; they do marginally useful things, like gardening or sharpening pencils or making a diagram of how they will reorganize their files when they get around to it. Why does the procrastinator do these things? Because they are a way of not doing something more important. If all the procrastinator had left to do was to sharpen some pencils, no force on earth could get him do it. However, the procrastinator can be motivated to do difficult, timely and important tasks, as long as these tasks are a way of not doing something more important.”

Die Harvard University hat Professor Perry deshalb mit dem lg Nobelpreis ausgezeichnet. Was es mit diesem “lg” auf sich hat, hab ich zwar noch immer nicht verstanden, aber der Preis ist eine Parodie auf das Original und will in erster Linie zum Lachen bringen. Die Liste in 7 verschiedenen Kategorien (10) seit 10 Jahren ist inzwischen schon ganz schön lang. Der Preis ist so Hipster, dass die Seite in uncoolem 1999 HTML-Design ist, das sagen will: “Uns gabs schon, da kanntet ihr noch nicht mal die AOL-CDs.” (Hipster-Bashing ist ja noch immer amüsant, auch wenns langsam abflaut.)

Also. Perry bringts auf den Punkt: Prokrastination heißt pnicht untätig sein (Wollte sowas wie ne Alliteration bilden, aber mir ist nichts eingefallen).

Denn schließlich habe ich, seitdem ich angefangen habe diesen Beitrag zu schreiben ein Video von Robert Misik angefangen, Konversation über verschiedene Kanäle geführt, mir Artikel, die ich morgen im Zug nach Kiel lesen will, gespeichert und/oder runtergeladen, Fotos von einer Geburtstagsfeier angesehen, gearbeitet und hie und da eine Minute sinnlos rumgeklickt.

Und warum das ganze? Deshalb: Das Global Economic Symposium, eine zweitägige Konferenz in Kiel steht an. Ich werde dort über die Veranstaltungen schreiben und habe drei Interview-Termine mit Männern. Das Zeug wird auf dem niegelnagelneuen Blog namens Economic Insights veröffentlicht. Die von fünf anderen jungen Leuten auch. Wenn ihr auf den Blog geht, werdet ihr auf einen “Ok”-Knopf stoßen, damit die Seite und euer Facebook-Profil vernetzt werden können. Die Datenschutzbehörde von Schleswig-Holstein hat das vor kurzem durchgesetzt. 

Und Ich habe meinen Professor aus den Vereinigten Staaten angeschrieben, meine erste Adresse bei Indien. Der hat mich an einen Freund in Neu Dehli verwiesen. Jetzt hab ich Anregungen für das Interview Arun Maira, dem Chef der Planungskommisson für die indische Wirtschaft. In der Zeit zwischen der Unabhängigkeit 1947 und 1991 hat die Behörde die Pläne für die Wirtschaft konstruiert, heute hat sie nur mehr beratenden Charakter, aber sicherlich noch immer Einfluss.

Der Zweite ist Wolfgang Kleinwächter, Professor für irgendetwas mit Internet. Er ist der Kopf einer Bewegung, die eine Magna Carta, also einen Grundrechtskatalog, für das Internet will. Die Gegner sind dabei das ICANN. Die kümmern sich um Domains, sitzen in Kalifornien und damit ein quasi-amerikanisches Unternehmen. Ich hab noch nicht ganz heraus, ob sie privatwirtschaftlich agieren oder dem Staat gehören.

Andrew Burns ist der Dritte im Bunde. Er ist von der Weltbank und ist einer der Chefautoren des “Global Economic Prospect”, einer Untersuchung über die makroökonomischen Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf low und middle-income countries.

Die einzelnen Veranstaltungen weiß ich nicht auswendig und nachzuschauen wäre mir gerade zu anstrengend, aber was mit Internet Governance, Makroökonomie und idenitiy und migration. Dazu noch zwei, drei Sachen.  

Jetzt also erstmal Wikipedia-Einträge als PDFs speichern und Tagesschau gucken. Danach fällt mir sicherlich noch einiges ein. Packen, mir das Ladegerät für den Akku meiner Camera ausleihen, weil ich meins nicht finden kann, wird wohl zu Hause irgendwo rumliegen, und dann den Jauch.

Ich sollte langsam mal auf Englisch switchen.

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12. Mai 2010 6

Ist eine grüne Wirtschaft möglich?

Von Katharina in Politisches

Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman sagt „Ja”

Die Erde wird sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten immer weiter erwärmen. Das Kyoto-Protokoll wird 2012 auslaufen und die UN-Klimakonferenz in Kopenhagen blieb ohne Ergebnis. Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman erklärt, warum es nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll und notwendig ist in den Planet Erde zu investieren: Man zahlt heute einen Preis, wovon in Zukunft alle durch eine weniger zerstörte Erde profitieren.

Weiterlesen bei backview.eu

Wie viel kostet es, wenn Staaten weltweit aktiv werden und konkrete Maßnahmen gegen Kohlenstoffdioxidemissionen ergreifen? Geht man von dem wahrscheinlichen Anstieg der Temperaturen aus, rechnet Krugman in den Jahren 2010 bis 2050 mit Kosten in Höhe von einem bis drei Prozent des weltweiten Wirtschaftswachstums. In den westlichen Industrienationen setzt er diese aber höher an als in weniger entwickelten Ländern. Denn in China ist es beispielsweise leichter als in Deutschland möglich mit geringem Aufwand viel Energie einzusparen, weil damit dort sehr ineffizient umgegangen wird.

Tun die Regierungen nichts und ignorieren die Erderwärmung,  werden Schäden und Zerstörungen durch Dürre, Überflutungen oder schwere Stürme negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. Was ist der Preis, den die Welt dafür zahlen muss? Die Weltwirtschaft würde dann um zwei Prozente schrumpfen – jedes Jahr.

In Modellen, die solche Werte schätzen, gehen Krugman und alle anderen Ökonomen vom Homo oeconomicus aus, d.h. jeder Mensch trifft immer die wirtschaftlich optimale Entscheidung. Fehler treten im Modell aber dann auf, wenn Konsumenten zum Beispiel nicht immer Energie sparen, selbst wenn sie dadurch mehr Geld zur Verfügung hätten. „Weil es unwahrscheinlich ist, dass diese Modelle alles richtig machen, ist es gut, dass man davon ausgehen kann, dass diese Modelle die wirtschaftlichen Kosten eher über- als unterschätzen”, schreibt Krugman.

krugmann„Vergleichen kann man die Kosten einer aktiven Klimaschutzpolitik mit den Kosten, wenn nichts unternommen wird, allerdings nicht so einfach”, stellt Krugman, der an der Princeton University lehrt, klar. Vor allem wegen dem Unsicherheitsfaktor. „Niemand weiß wirklich, welche Schäden aus den als wahrscheinlich geltenden steigenden Temperaturen resultieren”, sagt Krugman. Viele werten diese Unsicherheit als Argument gegen eine aktive Eindämmung der Erderwärmung. Krugman sieht das ganz anders: „Eine absolute Katastrophe ist eine realistische Möglichkeit.” Er gibt zu, dass es nicht das wahrscheinlichste Szenario ist, dennoch bezeichnet der amerikanische Ökonom eine unterlassene Klimapolitik als unverantwortlich – „wenn nicht sogar kriminell unverantwortlich”.

Emissionsrechtehandel, um Unternehmen in den Klimaschutz einzubinden
Um eine grüne Wirtschaftspolitik zu erreichen, müssen auch die Unternehmen in den Klimaschutz eingebunden werden. Das kann zum Beispiel mit einem Emissionshandel erreicht werden, wodurch es für die einzelnen Unternehmen finanziell lohnt CO-2 einzusparen. Praktisch funktioniert dieses System folgendermaßen: Staaten legen eine Obergrenze (englisch: cap) an CO2-Emissionen als Ziel fest. Außerdem gibt es Zertifikate vom Staat, die zum Ausstoß von einer bestimmten Menge an CO2 berechtigen. Wird mehr emittiert, drohen Strafen. Nur wenn ein Unternehmen sich auf dem Markt von einem anderen, das weniger CO2-Ausstoß produziert als es ihm erlaubt wäre, weitere Zertifikate kauft, darf es dementsprechend mehr CO2 ausstoßen. Im Englischen heißt dieses System „Cap-and-trade”, was die zweigeteilte Funktionsweise des Emissionsrechtehandels beschreibt: Auf der einen Seite gibt es eine Zielvorgabe des Staates (cap), auf der anderen Seite den freien Handel mit den Zertifikaten (trade). Den maximalen Gewinn bekommt ein Unternehmen dann, wenn es entweder den Gewinn maximiert oder die Kosten, also die Emissionen, minimiert.

Viele konservative Politiker lehnen ein solches System ab. Dazu meint Krugman: „Sie glauben, dass das kapitalistische System mit allen Arten von Beschränkungen umgehen kann, dass Technologie, sagen wir, leicht alle Grenzen an Wachstum überwinden kann, die sich durch weniger Öl oder anderen natürlichen Ressourcen ergeben.” Bei beschränkten Emissionen würden sie das dem privaten Sektor aber absolut nicht zutrauen. „Warum glauben sie nicht, dass die Dynamik des Kapitalismus ihn anspornt Wege zu finden, es auch in der Welt von reduzierten CO2-Emissionen zu schaffen? Warum verliert der Markt seinen Zauber, sobald die Marktanreize für die Erhaltung wirken?”

Vorreiter eines Emissionsrechtehandels sind die Länder der Europäischen Union. Bis 2012 sollen so die durchschnittlichen Treibhausemissionen um acht Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 gesenkt werden. Seit 2005 setzt die Europäische Kommission auf die Grenze von 2,08 Milliarden Tonnen Kohlenstoffdioxid. 12 000 Anlagen und Fabriken aus der Stahlindustrie oder der Baustoffherstellung dürfen seit 2005 nur mehr eine bestimmte Menge an CO2 ausstoßen. Sonst müssen sie Strafen in Höhe von 100 Euro pro Tonne Kohlendioxid zahlen. Momentan liegt der Preis für eine eingesparte Tonne CO2 zwischen 12 und 15 Euro. Andere Treibhausgase wie Methan sind von der Regelung nicht betroffen.

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Wie aggressiv soll gegen den Klimawandel angegangen werden?
Für Krugman bleibt noch eine Frage offen: Wie aggressiv soll tatsächlich gegen den Klimawandel angegangen werden? Konkret heißt das: Wie viel kostet die Tonne CO2? Im Prinzip gibt es zwei verschiedene Möglichkeiten. Die Rampenpolitik oder die Politik eines Big-Bangs. Bei der klimapolitischen Rampenpolitik liegt der Einstiegspreis für eine Tonne CO2 bei 30 US-Dollar und steigt bis zum Ende dieses Jahrhunderts wohl auf 200 US-Dollar an. Die Politik des Big-Bangs setzt von Anfang an hohe Preise fest.

Um sich für eines dieser Modelle zu entscheiden – entweder ein langsamer Anstieg der Preise oder ein hoher Preis von Anfang an – muss untersucht werden, welcher der Investitionen sich besser auszahlt. Dazu muss der Schaden, den eine zusätzliche Tonne an CO2 ausmacht, geschätzt werden. Das ist schwierig, denn wie sollen Schäden, die erst in weiter Zukunft ins Gewicht fallen, in die Berechnungen einfließen?

Die Befürworter des Rampenkonzepts schätzen den Schaden einer zusätzlichen Tonne in den kommenden Jahren als gering ein. Erst gegen Ende des Jahrhunderts, wenn sich wesentlich mehr CO2 in der Atmosphäre befindet, werden die Schäden und damit die Kosten der negativen Folgen steigen. Diese zukünftigen Belastungen sollten aber in ihren Augen keinen Einfluss auf die heutige Politik haben, so wie sie auch in der Privatwirtschaft heute keine Rolle spielen.

Für das Gegenteil plädieren die Anhänger der Big-Bang-Theorie: Der Staat soll viel weiter in die Zukunft planen, als es die privaten Investoren tun und sofort stark in eine effektive Umweltpolitik investieren. Nicolas Stern, Ökonom an der London School of Economics, argumentiert auch moralisch: „Die Politik muss genauso viel Gewicht auf die Wohlfahrt zukünftiger Generationen wie auf die der Heutigen legen.”

Auf welcher Seite steht Paul Krugman? Er tendiert zur Big-Bang-Theorie. Ihn überzeugt nicht Sterns moralisches Argument, sondern dass es die Aufgabe eines Staates sei,  längerfristiger zu planen, als es der private Sektor tut. Die Rampenpolitik erscheint ihm wie ein Experiment mit dem Planet Erde: „Ein System von langsam ansteigenden Preisen geht davon aus, dass die Konzentration von CO2 auf einem Niveau doppelt so hoch wie im vorindustrialer Zeit stabilisiert werden kann.” In Anbetracht, dass Klimawissenschaftler ihre Schätzungen für den Temperaturanstieg in den letzten Jahren immer weiter erhöht haben, sei nicht sicher ob das gelingen kann.

Im Zweifel gegen einen freien Weltmarkt
Sinn macht ein Emissionsrechtehandel natürlich nur in einem geographisch größeren Raum, denn Treibhausgase machen vor Staatsgrenzen nicht halt. Für ein globales Problem, kann nur eine globale Lösung helfen. Der Handel mit Emissionszertifikaten muss also von der EU auf die ganze Welt ausgeweitet werden. Das heißt: Wenn China nicht alle seine Emissionszertifikate braucht, verkauft es die übrigen an die USA. Das wäre nichts anderes, als dass die USA China dafür bezahlt, in Amerika mehr C02 ausstoßen zu dürfen.

Doch was, wenn die Entwicklungsländer nicht bei diesem System mitmachen wollen? Länder wie China oder Indien zeigen auf die viel höheren Pro-Kopf-Emissionen in den Industriestaaten und sehen sich deshalb nicht in der Pflicht aktiv gegen steigende Temperaturen anzugehen.

Krugmans Antwort ist drastisch: Strafzölle. Zum Beispiel, wenn sich die USA und die Europäische Union verpflichten pro Tonne an Emissionen 100 US-Dollar zu zahlen. China will da aber nicht mitmachen und zahlt nichts für sein freigesetztes CO2. Wenn Chinesen nun  Schuhe oder andere Waren nach Europa oder in die USA exportieren wollen, müssen sie mit Strafzöllen von 100 oder mehr Dollar rechnen. Für den Konsumenten bleibt der Preis für die Schuhe gleich, egal ob sie New Jersey oder Guangzhou hergestellt werden, beide Male ist im Preis der CO2-Austoß miteinbezogen – auch wenn in China weiterhin gratis CO2 ausgestoßen werden darf.

„Es ist wichtig die Weltmärkte offen zu halten, aber eine globale Katastrophe zu verhindern ist noch wichtiger”, sagt Paul Krugman. Er ist davon überzeugt, dass die USA und die EU zusammen den Rest der Welt von einer solchen Politik überzeugen können oder zumindest so viel Druck ausüben können, dass alle anderen Länder mitmachen müssen. Für die ganze Welt würden dann Treibhausgase einen bestimmten Betrag kosten.

In Krugmans Heimatland, den Vereinigten Staaten, gibt es heftigen Widerstand gegen eine solche Politik. Doch seitdem mit Barack Obama ein Demokrat Präsident ist, blickt Krugman optimistischer in die Zukunft. Dass es bis heute keinen wirklichen Versuch gegeben hat, den Klimawandel einzudämmen, hat für ihn weder naturwissenschaftliche noch wirtschaftliche Gründe, sondern ist nur politischer Ablehnung geschuldet: „Wir wissen, wie wir die Treibhausgasemissionen begrenzen können. Wir können die Kosten abschätzen – und sie sind tragbar. Alles was wir jetzt brauchen ist politischer Wille.”
(Foto: Flickr, Center for American Progress)

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24. Februar 2010 2

Ein Waldkirchner ebnet die Erfolgsspur

Von katha in Tagtäglich

Daniel Nigl ist Vorspringer auf der Olympia-Schanze – und beim Silbertriumph der deutschen „Adler“ live dabei

erschienen in: Passauer Neuen Presse, Lokalteil Waldkirchen

Waldkirchen/Vancouver. Als am Montag die deutsche Skisprung-Mannschaft um den Rastbüchler Michael Uhrmann auf den umjubelten zweiten Platz flog, da war ein Waldkirchner mittendrin statt nur dabei: Der 21-jährige Daniel Nigl ist Vorspringer bei den olympischen Spielen in Vancouver – und bereitete damit gewissermaßen die Silberspur für die „DSV-Adler“. „Vor dieser Kulisse ist das Springen natürlich der Hammer“, meint er begeistert, wenn er von den Stadien spricht, in die 12 000 Menschen passen. Und wenn dann noch dazu die Deutschen vorn dabei sind, dann ist die Freude doppelt groß.

daniel2Daniel Nigl sprang bei den Wettbewerben der Spezialspringer, die am Montag zu Ende gingen, und ist auch bei den Nordisch-Kombinierern im Einsatz, deren Wettkampf bis Donnerstag läuft. Nigl ist so etwas wie ein Testpilot: Vorspringer wie er testen die Windbedingungen oder machen nach Schneefall die Anlaufspur wieder frei. Und das durchaus mit Schneid: Der Schanzenrekord der großen Schanze im Whistler Olympic Park liegt bei 149 Meter – 140 Meter hat Nigl dort schon geschafft, allerdings mit längerem Anlauf als die Weltklasse. Rund hundert Mal fuhr der Waldkirchner bisher während Olympia die Schanzen runter.

Mit 13 Jahren hat der schlaksige junge Mann mit dem Skispringen begonnen: „Ich mach den Sport also jetzt ziemlich genau acht Jahr lang.“ Nach einer Ausbildung zum Werkzeugmechaniker arbeitet er jetzt als Maschinenbediener und macht eine Weiterbildung zum Techniker. Wenn Nigl sich in seiner Freizeit nicht gerade Schanzen runterstürzt, ist er Sänger der Waldkirchner Band „The Stringers“. Selbst bezeichnet der 21-Jährige sich als Hobbyspringer.

Seit letztem Winter ist der Waldkirchner nur mehr als Vorspringer zu den Austragungsorten unterwegs. Bei den vergangenen beiden Vier-Schanzen-Turnieren war er in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen auf dem Balken. Am Kulm in Bad Mitterndorf gelang ihm sein bislang weitester Sprung: 204 Meter. „Dort hatte ich das Glück, dass sie noch Leute für Vancouver gesucht haben.“ Er bewarb sich – und wurde genommen.

Olympia ist aber nicht das erste Mal, dass der Schlaks wegen seines außergewöhnlichen Hobbys in der Welt herumkommt. Im letzten Jahr verbrachte er drei Wochen in Südkorea, wo er gemeinsam mit anderen Springern in einem Kinofilm mitgespielt hat. „Meine Sprünge wurden sogar verwendet. Denn ich habe den Film später gesehen.“ Der Film sei sogar auf Platz eins der koreanischen Kinocharts gewesen.

Untergebracht sind die Vorspringer gemeinsam mit den freiwilligen Helfern etwas abseits vom Geschehen auf einem Kreuzfahrtschiff. Ein bisschen enttäuscht scheint er darüber zu sein, dass er nicht bei den Athleten wohnen darf. „Aber mittlerweile ist das in Ordnung, weil wir ein eigenes Auto bekommen haben.“

Nigl und seine Kollegen können sich gratis die Wettbewerbe in Langlauf, Biathlon und Nordische Kombination ansehen und bekommen so viel von der olympischen Stimmung mit. Die war jedoch einmal getrübt: „Als der Rodler gestorben ist, war das das Gesprächsthema Nummer eins hier in Whistler. Das war schon ziemlich schockierend.“ Doch sonst sei die Stimmung toll: „Vor allem, wenn die Kanadier am Start sind, geht’s richtig ab“ – und aus deutscher Sicht natürlich nach dem Silbertriumph der Skispringer vom Montag, bei dem er live dabei war, ebenso wie bei der Feier im Deutschen Haus.

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16. September 2009 1

Der Gebührenkreislauf

Von Katharina in Politisches

Seit April 2007 müssen wir Studierende, oder zumindest die meisten von uns, jedes Semester in unsere Taschen greifen. Denn seitdem kostet es uns alle sechs Monate 500 Euro, an der Universität Regensburg studieren zu können. Das neue Bayerische Hochschulgesetz will von den Universitäten, dass sie Studiengebühren verlangen. Was passiert mit dem Geld, nachdem es von unseren Konten verschwunden ist? Lautschrift hat sich auf die Spur der rund 6 Millionen Euro pro Semester begeben: Der Weg gleicht einem Kreislauf. Unser Geld soll schließlich am Ende uns wieder zu Gute kommen, nachdem es verschiedene Instanzen der Universität durchlaufen hat.

Grundlage für die Erhebung ist das neue bayerische Hochschulgesetz, das am 23. Mai 2006 in Kraft trat. Artikel 71 benennt den Zweck der Studiengebühren: „Die Studienbeiträge dienen der Verbesserung der Studienbedingungen.“ Entgegen dem alltäglichen Sprachgebrauch spricht das Gesetz von Studienbeiträgen, und nicht von Studiengebühren. Der Begriff „Gebühren“ ist rechtlich falsch. Von Gebühren spricht man nur, wenn sie kostendeckend sind, was auf die 500 Euro pro Semester nicht zutrifft.

Die AG Studiengebührenevaluation (AG SEG) überwacht das Verfahren der Universität. Der studentische Kovent hat die AG gegründet, um die vorgeschriebene Evaluation der Universität kritisch zu hinterfragen. „Wir bewerten ebenfalls die bisher gängige Verteilungspraxis nach ihrer Sinnhaftigkeit und stellen auch die Höhe der Gebühren auf den Prüfstand“, erklärt der Sprecher der AG SGE Christoph Kittel.

Die meisten bayerischen Universitäten, auch die in Regensburg, praktizieren das gleiche System: 500 Euro für alle Studiengänge. Wer entscheidet über das Geld? Und wie wird es innerhalb der Universität verteilt? „Die Fakultäten und die zentralen Einrichtungen reichen Verwendungsanträge bei der Hochschulleitung ein“, gibt die Studienbeitragssatzung der Uni Regensburg Auskunft. Auf deren Grundlage, der auch die Fachschaften zugestimmt haben, entscheidet der Haushaltsausschuss darüber. In diesem sitzt auch ein studentischer Vertreter. Viel zu wenig, findet die AG SGE. „Dieser befindet sich in der absoluten Minderheit gegenüber der Fakultäts- und Verwaltungsseite“, sagt Christoph Kittel. Dadurch habe derjenige ein enormes Arbeitspensum zu bewältigen und als einzelner wenig Einfluss in der Vorentscheidung. „Außerdem fehlt ein fortlaufender direkter Dialog zwischen dem Haushaltsausschuss und dem studentischen Konvent.“ Auch die Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und den studentischen Vertretern verlaufe nicht wie gewünscht: „Meist werden uns die sitzungsrelevanten Unterlagen erst sehr spät zugestellt.“

Der Lösungsvorschlag der AG SGE lautet: Die Schaffung eines gesonderten Gremiums. „Dieses müsste paritätisch mit Studenten und Fakultäts- bzw. Verwaltungsvertretern besetzt sein und sollte sich rein mit der Verteilung der Studiengebühren beschäftigen“, erläutert Kittel den Vorschlag. An der Uni Bayreuth funktioniere dieses Modell bereits gut.

Die AG Studiengebührenevaluation kritisiert außerdem die fehlende Planungssicherheit, weil sich der Gebührenetat an den Studentenzahlen des Vorjahres orientiert und stark schwankt. „Und es fehlt an einer Deckelung möglicher Forderungen der zentralen Einrichtungen, deren Etat vor der Verteilung auf die einzelnen Fakultäten vom Gesamtbudget abgezogen wird.“

Die genauen Zahlen: Im Wintersemester 2008/09 nahm die Universität 5,75 Millionen Euro durch Studienbeiträge ein, die es unter den Fakultäten und zentralen Einrichtungen wie der Bibliothek oder dem Sportzentrum verteilte. Die zwölf Fakultäten bekamen davon insgesamt 4,3 Millionen Euro. Die Philosophische Fakultät IV erhielt mit 1,6 Millionen Euro den größten Teil. Alle weiteren Fakultäten wurden mit zwischen 1,1 Millionen und 300 000 Euro bezuschusst. Der Bibliothek und anderen zentralen Einrichtungen standen 1,14 Millionen zur Verfügung. Dieser Prozess – vom Konto der Studierenden, über verschiedene Gremien bis beispielsweise in die Kassen der einzelnen Lehrstühle – ist mit erheblichem bürokratischem Aufwand verbunden. Deshalb zahlen 260 Studenten und Studentinnen ihren Beitrag nur, um den Verwaltungsaufwand zu finanzieren. 130 000 Euro kostet das Erheben der Gebühren pro Semester.

Die 500 Euro sind jetzt an den entscheidenden Stellen angekommen. Die einzelnen Lehrstühle oder Einrichtungen können nun die finanziellen Mittel konkret einsetzen, um die Lehre zu verbessern. Ein Großteil der Beiträge fließt in neues Personal. Mehr Dozenten, Hilfskräfte oder Mitarbeiter im Prüfungsamt sollen das Studium erleichtern. So können Korrekturzeiten verkürzt oder Sprechstundenzeiten erhöht werden. Neben der persönlichen Betreuung will die Universität auch in die Ausstattung investieren, dazu gehört aktuelle Software genauso wie das medizinische Kompetenzzentrum oder die verlängerten Öffnungszeiten der Bibliothek.

Die AG Studiengebührenevaluation ist mit der Mittelverteilung aber nicht zufrieden. „Wir drängen auf eine strenge Auslegung der Passage Verbesserung der Studienbedingungen im Sinne einer Verbesserung der Lehre“, sagt Kittel. Das heißt: keine weiteren Studiengebühren mehr für Grundaustattung wie Stühle, Verwaltungspersonal oder rein forschungsrelevante Projekte. „Der Versuch, aus Studienbeiträgen Container als zusätzliche Lehrräume anzumieten, statt aus staatlichen Mitteln neue Gebäude zu finanzieren, stellt keine nachhaltige Investition dar“, sagt Juba Akili, Mitglied im Sprecherrat, in einer Stellungsnahme der Landeskonferenz des Allgemeinen Studierendenausschusses an den bayerischen Wissenschaftsminister Dr. Wolfgang Heubisch. Er lehnt darin solche Ausgaben strikt ab.

Egal, in was das Geld investiert wurde, die Begünstigten sollten am Ende wir sein – mit neuen Büchern oder mehr Dozenten oder an vielen anderen Punkten der Lehre, an denen es bisher Probleme mit der Finanzierung gab. Hier soll sich der Kreis also wieder schließen. Doch hier hakt es im Kreislauf. Zahlen sich die 500 Euro wirklich für uns aus? Eine Orientierung durch die Meinungen von über 17 000 Studenten an der Uni Regensburg liefert der Gebührenkompass 2008. Die Studie zeigt, wie zufrieden Studierende mit der Verwendung ihrer Studienbeiträge sind. Das Ergebnis: Fast 65 Prozent der befragten Regensburger Studierenden haben bisher noch keine Verbesserungen der Lernbedingungen feststellen können. Hochgerechnet hieße das: Rund 11 000 Studierende spüren keine Gegenleistung für ihre 500 Euro. Fast eben so viele erwarten keine positiven Veränderungen für die Zukunft.

Das lässt ein schlechtes Zeugnis für die Uni Regensburg erwarten. Und tatsächlich vergeben die Befragten hier in Regensburg keine guten Noten für ihre Hochschule. Insgesamt bewerteten sie die Uni mit der Note 4,2. Das Klassenziel ist gerade so erreicht. Regensburg liegt damit über der Durchschnittsnote aller Universitäten von 4,6. Besonders zufrieden sind die Regensburger mit den Verbesserungen der Bibliotheksleistungen. Im Jahr 2008 standen der Bibliothek 2,2 Millionen Euro aus Studienbeiträgen zur Verfügung, die sie in verlängerte Öffnungszeiten und in neue Bücher investierte. Auch mit der Evaluation zeigen sich die Befragten relativ zufrieden. Jedes Semester veröffentlicht die Universität einen Infoflyer, der die Ausgaben aufschlüsselt. Diese werden in der ganzen Universität, und vor allem in den Mensen, ausgelegt. Die AG SEG heißt das gut: „Guter Wille seitens der Universität lässt sich nicht leugnen. Trotz fehlender Verpflichtung richtet man seine Entscheidungen am Votum des studentischen Konvents aus.“

Besonderes Engagement zeigt die Philosophische Fakultät IV. Sie führte unter ihren Studierenden eine Umfrage zur Zufriedenheit mit der Verwendung der Studienbeiträge durch. „Die Umfrageergebnisse bestätigen eine vergleichsweise hohe Grundzufriedenheit“, stellt die Fakultätsleitung als Ergebnis fest. Die Höchstnote erreicht die Bibliothek mit 2,32. Am schlechtesten werden die Skripte mit 3,15 bewertet.

Das Bayerische Hochschulgesetz verfolgt das Ziel einer dezentralen Gebührensetzung und bietet Universitäten und Hochschulen gewisse Freiräume. Denn jede Hochschule kann die Höhe der Studiengebühren selbst festlegen. Einzige Bedingung: Der Betrag muss bei Universitäten zwischen 300 und 500 Euro liegen. Die Studierenden in Regensburg müssen den Höchstsatz von 500 Euro zahlen. Eine Senkung der Gebühren um bis zu 200 Euro kommt für die Hochschulleitung nicht in Betracht: „Ein Verminderung der Studiengebühren würde die Spanne zwischen Erhebungsaufwand und Ertrag auf eine unverhältnismäßig geringe Summe schrumpfen lassen.“ Außerdem könne nur durch den höheren Betrag das Betreuungsverhältnis maßgeblich verbessert werden. Die AG SEG sieht das anders: „Unser Ziel ist es, die Gebühren im Rahmen des gesetzlichen Spielraums sinnvoll anzupassen, also möglichst für alle zu senken.“

Gestaltungsspielraum bietet die bayerische Regierung auch bei der Möglichkeit, die Gebühren für unterschiedliche Studiengänge zu differenzieren. Konkret heißt das: Studenten und Studentinnen der Politikwissenschaft zahlen nur 300 Euro pro Semester, da dieses Studium relativ kostengünstig ist. Wer dagegen Chemie studiert, muss den vollen Satz von 500 Euro zahlen, weil beispielsweise Laborpraktika teuer sind. Die Universität lehnt dieses Verfahren als unrealistisch ab. „Bei den Studiengebühren geht es ja nicht darum, schon angefallene Kosten zu decken. Sie dienen dazu, zusätzliche Maßnahmen zur Verbesserung der Lehre anzustoßen“, teilt der Pressesprecher der Universität Alexander Schlaak mit.

Das Gesetz regelt, wer keine Studienbeiträge zahlen muss: Entweder man ist beurlaubt, hat zwei Geschwister, die Kindergeld bekommen, oder erbringt „besondere Leistungen“. Denn die Universität kann bis zu 10 Prozent der Studierenden auf Grund von „besonderen Leistungen“ befreien. Wie diese jedoch genau aussehen, ist unklar. „Die verschiedenen Fakultäten handhaben die Befreiungen sehr unterschiedlich“, sagt Pressesprecher Schlaak. Die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät wirbt beispielsweise Abiturienten mit sehr guten Noten damit an, dass sie die ersten drei Semester nichts zahlen müssen. Aber auch überdurchschnittliches Engagement von studentischen Vertretern belohnt die Universität mit dem Erlass der Beiträge. In Zukunft sollen mehr Studierende befreit werden. Wissenschaftsminister Heubisch kündigte an, dass nur ein Kind pro Familie Studienbeiträge zahlen soll. Im Wintersemester 2008/09 waren knapp 3000 Studierende befreit. Das entspricht 16,8 Prozent aller eingeschriebenen Studenten.

Mit den Noten, die die Regensburger Studierenden vergeben haben, kann sich unsere Universität sicherlich nicht schmücken und das Gesetz ist finanziell zugunsten der Universität ausgelegt. Mehr Transparenz und studentische Mitbestimmung wären erste Schritte zu höherer Zufriedenheit. Doch nicht nur die Hochschulleitung muss aktiver werden. Christoph Kittel von der AG Studiengebührenevaluation kritisiert auch seine Kommilitonen, die sich oft nicht dafür interessieren, was mit ihren Studiengebühren passiert. „An diesem Punkt sollte sich jeder einmal selbst fragen, ob ihm wirklich egal ist, was von seinem Geld, oder dem seiner Eltern, jedes halbe Jahr angeschafft wird oder auch nicht.“

Weiterführende Links:

Erschienen in: Lautschrift – Studierendenzeitung der Universität Regensburg

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16. Juni 2009 0

“Es gibt keine absolute Pressefreiheit”

Von katha in Politisches
Foto: Vitali Petlevoy www.to4ka-treff.de Medien und Politik bedingen einander. Doch wer hält die Zügel in der Hand? Dietmar Bartsch, Bundestagsabgeordneter und Geschäftsführer der Partei DIE LINKE steht To4ka-Treff Rede und Antwort.

 

 

Herr Bartsch, wer bestimmt die politische Agenda? Die Medien oder die Politik?
Dietmar Bartsch: Man kann das nicht so sagen, dass die eine Seite bestimmt und die andere nicht. Aber es ist so, dass in der Politik sehr stark in Richtung Medien geschaut wird, da es für die Politik zwei Maßstäbe gibt: zum einen sind das die Zahlen, die am Wahlabend aufleuchten, die Wahlergebnisse. Der andere Maßstab ist die Entwicklung von Mitgliederzahlen. Beide Maßstäbe werden natürlich zu einem großen Teil über die Medien transportiert. Aber es gibt auch den umgekehrten Aspekt. Medien haben Auflage mit den bekannten Politikern, mit Geschichten. Das ist eine gegenseitige Abhängigkeit. Allerdings ist es so, dass Politik, je näher Wahlzeiten kommen, sich in größere Abhängigkeit von Medien begibt.

Der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister beschreibt ins seinem neuesten Buch den Wandel von einer linksliberal geprägten Presse in der alten BRD zu einer “Nervösen Zone” in der Berliner Republik, wo eine konservative Elitenverflechtung zwischen Medien und Politik entstanden ist, ein Klüngel, das nur seine eigenen Interessen vertritt. Was halten Sie davon?
Ich glaube, dass das eine zu grobe Verkürzung ist. Dass es so war, dass die halbe Bundesrepublik medienmäßig etwas linksliberaler geprägt war, hat faktisch damit zu tun, dass die Konservativen jahrzehntelang die Macht hatten. Dadurch ist über viele Jahre ein Automatismus entstanden, dass in der Öffentlichkeit sich eine widersprüchliche Meinung dazu bildete. Die großen Meinungsmacher wie der “Stern” oder “Der Spiegel” sind ja gegründet worden, um Widerstand zum Establishment nach 1945 zu bilden. Die rot-grüne Politik in der Berliner Republik ist natürlich in besonderer Weise von den Konservativen und Liberalen kritisiert worden, und damit auch durch die Medien.

Können sie ein Beispiel nennen?
In Deutschland gibt es vier große Verlage im Printbereich, die natürlich die Politik mitbestimmen. Letztlich glaube ich, dass teilweise auch die Macht der Medien überschätzt wird. Insgesamt würde ich aber sagen, dass Deutschland von der Hegemonie her kulturell wie politisch eher konservativ geprägt ist. Das wird auch manifest in der Medienlandschaft der Berliner Republik, denn die klassischen linksliberalen Blätter haben keine Konjunktur, das muss man ganz klar sagen.

Foto: Vitali Petlevoy, Copyright: to4ka-treffUnserem Verständnis nach bestimmt in Russland der Eigentümer eminent die politische Ausrichtung der Zeitung. Gilt das auch für Deutschland?
In Deutschland ist das doch ein bisschen anders als in Russland. In Deutschland gibt es die direkte Einflussnahme auch, aber viel subtiler. Erstens ist die Pressefreiheit im Grundgesetz garantiert. Und das steht nicht nur auf dem Papier. Fakt ist, dass Zeitungen, die parteieigen sind oder einer Partei nahe stehen, es immer sehr schwierig haben, völlig egal zu welcher Partei sie gehören. Das “Neue Deutschland” war bis 1989 eine reine Parteizeitung. Ab 1990 wurde der Versuch gemacht, sich zu emanzipieren und eine eigenständige Zeitung, die nicht in völliger Abhängigkeit von der Partei ist, zu bilden. Die Abhängigkeit was den Inhalt betrifft, ist viel geringer als bei anderen. Wenn sie zum Beispiel mit der “Welt” vergleicht. Da ist es schon so, dass wenn Friede Springer etwas nicht passt, wird da auch mal eingegriffen. Formal ist es so, dass die LINKE über Tochtergesellschaften mit 50 Prozent an “Neues Deutschland” beteiligt ist. Trotzdem ist der direkte Einfluss ziemlich gering.

Aber der Herausgeber ist Lothar Bisky.
Der Herausgeber ist Bisky, das ist wahr. Das hängt aber auch damit zusammen, dass 50 Prozent der Beteiligungen jetzt an ein Unternehmen gegangen sind, was wirklich nicht mit der Partei verbunden ist. Das “Neue Deutschland” wäre aber auch nicht lebensfähig, wenn es nicht die Nähe zur Partei hätte. Aber ich habe von direktem Einfluss gesprochen. Es ist ein Unterschied, inwieweit irgendein Gremium der Partei eingreift und beeinflusst. Das findet so nicht statt. Wenn dann ist es eher in einer anderen Form. Die Unzufriedenheit über die Zeitung ist meist in der Partei selbst am größten. Das ist aber bei anderen ähnlich.

Muss ein Journalist objektiv sein?
Das wird jeder unterschreiben und jeder Journalist wird das von sich sagen. Trotzdem habe ich die Erfahrung gemacht: Journalisten haben immer eine objektive Schere im Kopf. Da, wo man seine monatliche Überweisung bekommt, wird man nicht unbedingt das schreiben, was das Haus nicht will und was die Leserinnen und Leser nicht wollen. Es gibt ja keine völlige Freiheit. Das ist im Übrigen in der Politik genauso. Kein Politiker ist völlig frei.

“Der Kunde ist König”. Gilt das auch für den Zeitungsmarkt?
Die Zeitungen müssen verkauft werden. Ein großer deutscher Verleger hat mal zu mir gesagt: “Was interessieren mich meine Leser, mich interessieren meine Käufer.” Und da ist natürlich was dran. Alle Publikationen und alle Sender haben sich im Laufe der Zeit ein bestimmtes Profil zugelegt. Wenn das “Neue Deutschland” plötzlich ein konservatives Blatt wäre, würden die Leser alle sagen: “Schönen Dank. Für das Geld kann ich mir etwas anderes leisten”. Das ist heute natürlich ein enormer Wettbewerb in Deutschland. Da geht es um Quoten und um Werbeeinnahmen. Es würde niemand einen bösen Artikel über Opel schreiben, weil Opel gibt Anzeigen auf, und Anzeigen sind 50 Prozent der Einnahmen. Die Parteien nutzen für den Wahlkampf verstärkt das Internet.

Plant auch die LINKE eine besondere Offensive?
Ja, das plant die LINKE nicht nur, da haben wir schon begonnen. Wir geben im Bereich Internet für die Europa- und Bundestagswahlen relativ viel Geld aus. Das hat natürlich sehr stark damit zu tun, dass es in den USA von Barack Obama einen Wahlkampf gegeben hat, der extrem Internet-geprägt war. Das Internet wird nicht wahlentscheidend sein, entscheidend sind weiterhin andere Faktoren. Die Leute, die Aktivist sind, “linksaktiv” heißt das bei uns, werden exklusiv mit Informationen ausgestattet. Das ist neu, das ist Aktivierungswahlkampf, der völlig losgelöst von den anderen Medien läuft. Das Internet wird in diesem Wahlkampf eine deutlich größere Rolle spielen, als in den bisherigen.

Foto: Vitali Petlevoy, Copyright: to4ka-treff Wir waren auf der Seite der “Jungen Welt”, einer linken Tageszeitung. Dort steht iPod-Werbung neben Kapitalismuskritik. Wie passt das zusammen?
Wir leben in der Marktwirtschaft und man kann mit Ideologie wenig kaufen. Das ist völlig normal, dass man sich darin bedient. Es muss aber Grenzen geben. Die Frage ist, wo der Lobbyismus aufhört. Ein klassischer Fall stand gerade in den Zeitungen: CSU, SPD und FDP und bekommen alle von BMW ihre Autos gestellt. DIE LINKE nicht. Das finde ich auch in Ordnung. Wenn man die Interessen der abhängig Beschäftigten, der Arbeitslosen, der Rentnerinnern und Rentner wahrnehmen will, dann kann man sich nicht in die Abhängigkeit der Konzerne begeben. Sonst muss man bei einer anderen Partei sein. Ich bin da nicht so verbissen und sage: “Es gibt überhaupt keine Werbung.” Aber das ist immer ein schmaler Grat. Denn wer sich nicht mit anderen Meinungen auseinander setzen kann und wegen einer Anzeige seine Meinung verändert, bin ich sowieso skeptisch.

Gibt es eine linke Medienpolitik?
Klar gibt es eine linke Medienpolitik. Dazu gehört zum Beispiel Gebühren für öffentlich-rechtliches Fernsehen und Rundfunk, wo wir als Linke sagen, dass der Kritik enorme Wichtigkeit zukommt. Wie wird öffentlich-rechtlicher Rundfunk und Fernsehen kontrolliert? Ich bin der Erste von den Linken, der im ZDF-Fernsehrat ist, der bestimmte Funktionen hat wie die Bestimmung des Intendanten und Programmaufsicht usw. Ein Kritikpunkt von uns ist, dass die öffentlich-rechtlichen Sender sehr stark in den Händen der politischen Parteien sind. Die dritten Programme sind faktisch alle abhängig von den Landesregierungen. Ich plädiere dafür, dass es im Medienbereich ein hohes Maß an Freiheit geben sollte. Freiheit kann aber nie allein eine Freiheit des Geldes sein. Meinungsfreiheit muss im Medienbereich egal welcher Couleur realisierbar sein.

 

Erschienen bei: Tot4ka-Treff.de im Rahmen des Workshops “Die Wahrsager. Medien, Politik, Lobbyismus”. Ich habe das Interview mit Fabian Burkhardt geführt.

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15. August 2008 0

Willkommen bei den "Kindern des Glücks"

Von katha in China, Medien

Wie sich China auf Olympia einstimmt

„Beijing 2008, Beijing 2008“: 35 Kinder einer Vorschulklasse singen lauthals ihr Lied und versuchen angestrengt, die einstudierte Choreografie umzusetzen. In der rechten Hand halten sie eine kleine chinesische Fahne, links eine, die die olympischen Ringe zeigt. Ob jung oder alt, reich oder arm: Olympia ist der ganze Stolz der Nation.

Das ist die Einleitung eines Artikel von mir auf schekker.de, dem Jugendonlinemagazin der Bundesregierung. Er handelt von den Vorbereitungen Chinas auf die olympischen Spiele und gründet auf meinen Erfahrungen während meines Aufenthalts im Reich der Mitte.

Schekker.de ist das Jugendonlinemagazin der Bundesregierung und veröffentlicht einmal pro Monat verschiedene Artikel zu einem Topthema. Diese reichen von aktuellen Olympiaausgabe über die Themengebiete Demographie bis zu Heimat. Mittlerweile gab es 60 Ausgaben, alle speziell auf Jugendliche zugeschnitten. Seit kurzem werden auch professionelle Videos zum jeweiligen Thema produziert und es gibt eine Kommentarfunktion. Neben den Themen gibt es die Ressorts Bücher und Städte&Regionen.

Auf dieser Plattform können junge Journalisten ihre Texte veröffentlichen. Besonders dabei ist, dass sie professionell von drei Redakteuren redigiert werden, wodurch die Autoren wertvolle Tipps und Hinweise für ihre weitere Arbeit bekommen. Lange Zeit habe ich das Magazin nur gelesen und freue mich deshalb sehr, dort nun auch einen eigenen Artikel veröffentlicht zu haben.

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8. März 2008 0

Buddha und so

Von katha in China, Medien

Wie ist es in einem land zu reisen, das sich gerade Unabhängig erklärt hat? Wie ist das Leben auf dem Balkan, mitten in Europa und doch genz fern? Ich hätte – theoretisch – die Chance, diese Frage zu beantworten. Denn vor einem Monat habe ich beim Medienwettbewerb “Buddha, Barbie, Bollywood – Chancen und Risiken der kulturellen Globalisierung” mit der Reportage “Cola und Counterstrike” teilgenommen und den 2. Platz erreicht. Damit habe ich eine 10-tägige Reise nach Sarajevo und das Kosovo gewonnen.

Aber ich kann nicht teilnehmen an der Recherchereise, ich bin ja in China. Gestern habe ich mich vor allem gefreut, heute überwiegt die Enttäuschung darüber, Europa nicht besser kennenlernen zu können. Naja, ich werde darüber hinwegkommen…

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8. März 2008 3

Cola und Counterstrike

Von katha in China

Chinesische Jugendliche unterscheidet äußerlich nicht mehr viel von ihren westlichen Altersgenossen. Geben sie ihre Traditionen auf, um ihr Leben nach der westlichen Kultur auszurichten?

Zhou Zhi Qiang trägt lässig seine Baggyhose knapp unterhalb der Gürtellinie, am rechten Ohrläppchen funkelt ein Stecker, wie ihn amerikanische Rapper gerne tragen. Er zieht sein Handy aus der Hosentasche und schreibt seiner Freundin eine Kurzmitteilung.

Auf den ersten Blick unterscheidet den 17-jährigen nichts von seinen Altersgenossen in Deutschland oder den USA. Doch Zhou Zhi Qiang lebt in Gengma, einer Kleinstadt mit 30 000 Einwohnern in der südwestchinesischen Provinz Yunnan. Die Gegend ist arm, die meisten Menschen arbeiten als Landwirte. Das große Geld wird woanders gemacht, in Beijing oder Shanghai – 3000 Kilometer entfernt. Nur sehr langsam bessern sich die Lebensbedingungen und manche konnten bereits einen bescheidenen Wohlstand erwirtschaften. 80 Prozent der chinesischen Bevölkerung lebt in diesen oder ähnlichen Verhältnissen.

Zhou Zhi Qiang trinkt gerne Cola oder Sprite und sieht sich die Spiele der amerikanischen Basketballliga NBA live im Fernsehen an. Der Sender CCTV 6 überträgt viele Stunden pro Tag amerikanische Spielfilme und in den Werbepausen wirbt McDonalds für sich. Seine Freizeit verbringt Zhou gerne in Internetcafés. „Ich spiele gerne Counterstrike”, sagt er hastig, während er auf seine Tastatur einhackt und mit einem Maschinengewehr einen Mitspieler tötet. Andere der rund 100 Jugendlichen im Raum verbessern ihre Helden im Spiel World of Warcraft oder chatten mit ihren Freunden per Webcam.

Geprägt von Traditionen

Haben sich chinesische Jugendliche ganz der westlichen Kultur angepasst? Gleichen sie vollkommen ihren Altersgenossen in Deutschland, Frankreich oder den USA? Nein, denn westliche Kultur bedeutet mehr als Cola und Counterstrike. Sie ist geprägt vom Zeitalter der Aufklärung, dem kritischen Hinterfragen und rationalem Denken. Doch das Leben junger Chinesen ist bestimmt vom Konfuzianismus und dessen Tugenden: Disziplin, Fleiß und Gehorsam gegenüber Ältern.

Die Schule lehrt das Hinnehmen von Zuständen, eigenständiges Denken wird nicht gefördert. „Die Schüler sind es nicht gewöhnt, sich mündlich am Unterricht zu beteiligen”, erzählt Benjamin Krafft, der als Englischlehrer an der Mittelschule in Gengma arbeitet. „Oft müssen sie nur Texte abschreiben und Prüfungen werden als multiple choice tests gestellt. Den Lehrern wird grundsätzlich nicht widersprochen.”

Von den Freiheiten deutscher Jugendlicher können junge Chinesen nur träumen. Freizeit? Die ist knapp bei Unterricht an sechs Tagen der Woche von halb acht Uhr morgens bis zum Teil 22 Uhr abends. Weggehen und Party machen? Höchstens im privaten Rahmen. Eine Beziehung haben? Niemals! Die chinesische Sexualmoral ist sehr konservativ. „Wüssten die Lehrer, dass eine Mitschülerin meine Freundin ist, würden sie sofort meine Eltern benachrichtigen”, sagt Zhou Zhi Qiang, „und das gäbe richtig Ärger.“ Wenn er mit seiner Freundin alleine sein will, müssen die beiden in ein Hotel gehen. „Aber das können wir uns nur selten leisten.“

Äußerlich mögen sich junge Chinesen dem Westen angepasst haben, doch im Alltag gibt es viele Unterschiede. „Die Jugendlichen stehen immer unter Beobachtung der Eltern, Lehrer und des totalitären Staates“, berichtet Krafft. Wichtige Werte des Westens, die Freiheit des Einzelnen und das Recht der freien Meinungsäußerung, spielen in China nur eine untergeordnete Rolle – das Ergebnis jahrhunderteralter Traditionen.

Zum Bespiel das Internet: Fast 130 Millionen Menschen sind regelmäßig online und Chinesisch hat Englisch als die am meisten genutzte Sprache im Netz bereits abgelöst. Doch die Great Firewall, die Zensur von unliebsamen Webinhalten durch das kommunistische Regime, schränkt die Freiheit massiv ein. Über die Studentenrevolte 1989 in Beijing oder die Unabhängigkeitsbestrebungen Tibets kann sich Zhou nicht informieren.

Westlicher Lifestyle

Chinesische Jugendliche übernehmen nicht die westliche Kultur an sich, sondern nur ihren Lifestyle und den Konsum. Sie kleiden sich wie ihre Altersgenossen in Berlin oder London, kommunizieren wie sie mit Mobiltelefonen und nutzen den Computer. Doch sie geben ihre kulturellen Wurzeln nicht auf. Einer Umfrage aus dem Jahr 2000 stimmten 50 Prozent der befragten chinesischen Jugendlichen dieser Aussage zu: „Die chinesische und westliche Kultur haben beide Schwächen und sollten sich miteinander entwickeln, damit die eine von der anderen lernen kann.“

Zhou Zhi Qiang ist mit vielen Traditionen nicht einverstanden, doch er nimmt sie als gegeben hin. Dennoch ist er stolz auf die chinesische Kultur und Geschichte. „Denn Kultur gibt uns Identität in einer Welt, die sich immer ähnlicher wird“, ist er sich sicher und trinkt einen Schluck Cola.

[Diese Reportage habe ich beim Medienwettbewerb Buddha, Barbie, Bollywood eingereicht.]

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