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Outgesourcte Gewalt

Veröffentlicht am | 19. 08. 2010 | 1 Kommentar

Das Internet ist ja sowieso an allem Schuld, denn im Web gibt’s ja nichts außer Porno, Grausamkeit und Gewalt, so die Meinung derer, die es nicht nutzen und sich E-Mails ausdrucken. Und überhaupt, früher war ja alles besser. Dazu beim “Deus Ex Machina”-Blog der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:  

Unsere Großeltern und wahrscheinlich jede Generation vor ihnen haben Grauen dieser Art auch gesehen. Bloß lag neben ihnen dabei keine Tüte Chips. Es gibt mit Sicherheit eine ganze Reihe von Theorien, die ich alle nicht kenne, zu der Frage, ob wir in einer keimfreien Welt, in der das Grauen in die Altenheime, Krebsstationen oder nach Afghanistan outgesourcet worden ist, einen Ersatz brauchen in abgemilderter, wegklickbarer Form. Ich bräuchte ihn nicht, von mir aus könnte das ganze Netz aussehen wie ein Rosamunde-Pilcher-Film im ZDF. Aber die meisten Menschen lieben den Grusel, schließlich sind wir auch alle mit Märchen, in denen es selten mal ohne Kannibalismus oder Kindermord ging, aufgewachsen.

EIn Preis für die Katholische Kirche

Veröffentlicht am | 11. 07. 2010 | Noch kein Kommentar

Der katholischen Kirche ist Gewinnerin der “Verschlossenen Auster”. Den Negativ-Preis verleiht das “Netzwerk Recherche”: “Er steht als mahnendes Symbol für mangelnde Offenheit und Behinderung der Pressefreiheit von Personen oder Organisationen gegenüber den Medien.” Die Laudatio von Herbiert Prantl gibt’s bei der Süddeutschen. 

Die Amtskirche hat aber geglaubt und glaubt zum Teil immer noch, ihr gebühre ein schonender Sonderstatus, sie sei unantastbar, weil sie so alt, erhaben und wertvoll sei. Anders herum wird ein Schuh daraus. Wer, wie es die Kirche tut und immer getan hat, sich die Rolle der Hüterin der öffentlichen Moral zuschreibt, wer, wie es die Kirche tut und immer getan hat, gern darauf verweist, dass er über ein gereiftes Orientierungswissen und über besondere Problemlösungskompetenz verfüge, der muss sich schon genau anschauen lassen, wenn es um die Unmoral in den eigenen Reihen geht, und der muss sich fragen lassen, wie es denn um die Qualität dieses Orientierungswissens bestellt ist und wo die Problemlösungskompetenz bleibt.

(…)

Es gibt eine Kirche, deren Selbstmitleid größer ist als das Mitleid mit den Opfern. Es gibt eine Kirche, die glaubt, sie habe lediglich ein Problem mit angeblich missliebigen Medien. Dieser Kirche widme ich diesen Negativ-Preis, die "Verschlossene Auster". Ich widme ihn, pars pro toto, dem Bischof meiner Heimatdiözese Regensburg, dem Bischof Gerhard Ludwig Müller. In diesem Bistum Regensburg liegt Wackersorf, der Ort, an dem einst eine Wiederaufbereitungsanlage gebaut und mit aller Macht und Staatsgewalt gegen den Willen der Bevölkerung durchgesetzt werden sollte. Was Wackersdorf für die CSU war, ist Bischof Müller für die katholische Kirche: ein Fiasko.

Kirche kann ihr gesellschaftliches Gewicht nicht mit Geld, Geschichte und Steuermitteln erhalten oder zeugen. Es entsteht von selber durch Glaubwürdigkeit, und es verfällt mit Unglaubwürdigkeit. Die Kirche braucht das, was die Mediziner "restitutio in integrum" nennen, die vollständige Ausheilung. Mit der Forderung nach Öffnung und Demokratisierung hat Papst Johannes Paul II. einst den Ostblock gesprengt. Diese Forderung "liegt jetzt auf den Stufen des Petersdoms" (so Jobst Paul im DISS-Journal 19/2010). Damals, im Ostblock, hieß das Neue "Glasnost" und "Perestrojka". Heute, in der katholischen Kirche, heißt es, unter anderem, Aufhebung des Pflicht-Zölibats und Frauen-Ordination. Glaubwürdig wird die Kirche nur dann, wenn sie den Ursachen für die sexuelle Gewalt und deren jahrzehntelange Vertuschung auf den Grund geht. Sie muss dazu die verstörten und empörten Fragen der Menschen hören.

Multitasking fails

Veröffentlicht am | 03. 05. 2010 | Noch kein Kommentar

Wie beeinflusst das Internet unser Gehirn? Die Stirnlappen, quasi die Kommandozentrale der Hirns verwahrlost, schreibt die FAZ.

Ein Teil der Fähigkeit des Arbeitsgedächtnisses, das eng mit dem Stirnlappen kooperiert, betrifft die selektive Aufmerksamkeit. Sie erlaubt es einem, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren und alles andere, was an Sinnesinformationen oder ablenkenden Gedanken einläuft, zu blocken. Wenn wir nur zwei oder gar drei Aufgaben parallel erledigen, nimmt die Leistungsfähigkeit der primären Aufgabe parallel zur kognitiven Last der anderen ab – und zwar unausweichlich. Wer also an etwas arbeitet und ständig durch eintreffende Nachrichten abgelenkt wird oder auch nur auf so etwas Banales wie eine E-Mail wartet – schon der Gedanke an mögliche Eingänge in den digitalen Briefkasten genügt – der arbeitet deutlich weniger effektiv als jemand, der seine Tätigkeiten nacheinander ohne Störung abarbeitet.

Die größte kognitive Bremse besteht für viele von uns heute darin, dass wir auch bei einer Tätigkeit, die wir gerade ausüben, ständig den Gedanken an andere – vor allem digital inszenierte – Tätigkeiten verdrängen müssen. Diese Informationsabwehr frisst große Teile unseres Arbeitsspeichers. Wer sich also auf Multitasking konditioniert, zahlt einen hohen Preis: Die Fehleranfälligkeit seines Denkens und Handels wird sehr groß (schnell ist noch lange nicht korrekt), die Konzentrationsspannen werden verkürzt. Gleichzeitig nimmt der Wunsch nach schneller „Belohnung“ – nach Erfolgserlebnissen – im Gehirn zu, was zur Folge hat, dass wir immer weniger bereit sind, unsere exzessiven Aktivitäten aufzugeben. Die Suchtgefahr steigt. Sollte dieser Befund, der bisher nur an ausgewählten und vergleichsweise kleinen Probandenzahlen ermittelt wurde, sich zu einem flächendeckenden Befund bei der heranwachsenden Generation ausweiten, wird es einem unwohl bei dem Gedanken, wie es um die Fehleranalyse und Präzision künftiger Maschinenbauingenieure und Brückenbauer bestellt ist.

Chatroulette: Absurd, lustig, verstörend

Veröffentlicht am | 21. 03. 2010 | 8 Kommentare

Chatroulette ist absurd, lustig, verstörend, manchmal richtig krank, süchtigmachend und gerade deshalb so toll. Es ist nichts anderes als ein Videochat mit zufällig ausgewählten Menschen.   

Ich habe mich mit einem jungen Soldaten der US-Army unterhalten, der schon in Kuweit und im Irak gedient hat. Mit einem Holländer habe ich den Sinn des Lebens diskutiert, einer hat mit ein Lied gespielt. Ein Koreaner wollte mir weiß machen, er würde in Harvard studieren, dabei konnte er kaum Englisch (wenn doch, dann kann ich mich ab jetzt getrost als Professorin für Anglistik bezeichnen). Mit einem Typen aus New York hab ich mich über Curling lustig gemacht. Mit einem Mädchen aus Vermont habe ich geraucht und uns dumme Witze erzählt.

Und dazwischen immer wieder Schwänze oder Typen, die nur darauf warten ihre zu zeigen, aber das lernt man schnell zu ignorieren. Chatroulette katapultiert einen in das Leben eines wildfremden Menschen irgendwo auf dem Globus. 

Erfunden hat das ganze ein russischer Teenager. Der Server der Seite steht zu Hause bei Muttern unterm Küchentisch. Russische und internationale Kaufinteressenten, die ihm die Seite, die in den letzten Wochen und Monaten immer bekannter wurde, stehen bei ihm Schlange.

Was Chatroulette ist und wie es funktioniert, zeigt auch folgender charmanter Film:

Und es gibt Leute, die einfach mal so Lieder improvisieren und sie fremden Leuten vorspielen:

Some Bullshit Happening Somewhere

Veröffentlicht am | 14. 03. 2010 | Noch kein Kommentar

Winter 2010: In Nachrichtenstudios wird vor Schneefall gewarnt. Reporter stehen im Schnee und berichten davon, wie sie im Schnee stehen. Augenzeugen berichten vom Schneefall. Dabei ist einfach nur Winter. Nur ein Beispiel für Medienhysterie in letzter Zeit. Genau dieses Ausschlachten von im Grunde ganz alltäglichen und irrelevanten Themen verarscht das folgende Video, das über irgendeinen Bullshit, der irgendwo passiert, in bester Breaking-News-Attitüde berichtet. 

via Hirngerechte Gestaltung

Lautschrift: Ein Heft über Regensburg

Veröffentlicht am | 14. 02. 2010 | Noch kein Kommentar

Die neue Ausgabe der Lautschrift ist verteilt. In einem Heft über Regensburg haben wir uns mit verschiedensten Themen rund um die Stadt und ihre Verbindung zur Uni beschäftigt. Ein Auszug aus dem Editorial:

In einem Heft über Regensburg will die Redaktion verschiedene Seiten der Stadt und ihre Verbindung zur Universität zeigen. Oberbürgermeister Hans Schaidinger spricht darin in einem Interview über das Verhältnis der Stadt Regensburg zur Universität. Unsere Redakteure nehmen euch mit zu besonderen Orten und stellen euch außergewöhnliche Bewohner der Stadt vor. Wir haben Fakten der Stadtgeschichte und Regensburger Institutionen zusammengetragen. Und wer sich besonders gut auskennt, kann sich am Bilderrätsel versuchen.

Der Bildungsstreik war in den letzten Monaten das am meisten und heftigste diskutierte Thema unter den Studierenden. Der H2 wurde besetzt, es gab Demonstrationen in der Stadt und die Verhältnisse an den Universitäten waren plötzlich prominent in den Medien vertreten. Doch was halten die Regensburger Studenten und Studentinnen von der Besetzung einer ihrer Hörsäle? Unterstützen sie die Forderungen oder sehen sie die Aktionen eher kritisch? Zwei Redakteurinnen haben Fragebögen in der Uni verteilt, um genau das herauszufinden.

Die Lautschrift#8 “Ein Heft über Regensburg” zum Download: Lautschrift 8 (3,38 mb).

die wahre Neda

Veröffentlicht am | 05. 02. 2010 | Noch kein Kommentar

Das Schicksal von Neda Soltani hat etwas von einer schlechten Verwechslungskomödie, nur dass ihre Geschichte ganz und gar nicht zum Lachen ist.

Teheran, im Sommer 2009: Tausende demonstrieren gegen das Wahlergebnis, das den Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad im Amt bestätigt. Mit Tweets und Videos auf Youtube berichteten Iraner der Welt von den Geschehnissen. Vor allem das Video der sterbenden Neda geht um die Welt – und kurz danach auch ein Bild von ihr. Aber es war das Falsche: anstatt Neda Soltan zeigte es Neda Soltani. Twitter und Blogs, Zeitungen und Fernsehen verbreiteten ein aus Facebook kopierte Foto. Die wahre Neda versucht das Missverständis auszuklären, aber dadurch wird alles nur noch schlimmer. Schlussendlich flieht die bis dato unpolitische 32-Jährige Uni-Dozentin, lässt ihr ganzes Leben zurück und lebt heute als Ayslsuchende in Deutschland.

"Die Nachricht von ihrem Tod beruhte auf einer Verwechslung, sagt sie in fließendem Englisch, ein ursprünglich kleiner Irrtum der Medien, mit fatalen Konsequenzen für die Frau auf dem Foto."

Die ganze Geschichte gibt es im Süddeutsche Magazin: Das zweite Leben der Neda Soltani

Lesenswert: Zahlenfetisch

Veröffentlicht am | 09. 01. 2010 | Noch kein Kommentar

Die BILD-Zeitung veröffentlicht falsche Zahlen zur rechtsextremen Gewalt, woraufhin sie die dpa ungeprüft übernimmt (von der BILD-Zeitung!). Die dpa gilt als seriöse Quelle, weshalb die Meldung bald auch bei der Süddeutschen und dem Stern landet. “In dieser Geschichte steckt fast das ganze Elend des Journalismus von heute“, schreibt Stefan Niggemeier und zeigt die Misere der Medien im Umgang mit Statistiken auf. Gerade im Fall von Rechtsextremismus spielt das natürlich genau den den falschen Leute in die Hände.

“Der Zahlenfetisch der Massenmedien hat bizarre Ausmaße angenommen. Irgendwelche Prozentwerte, Statistiken und Hitparaden sagen zwar oft nichts aus, tun aber immer so, als ob. Sie wirken wie Fakten, lassen sich knackig auch in kürzesten Meldungen formulieren und ersetzen die ungleich mühsamere Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit in Form von Anschauung und Reflexion.”

Und manchmal schaffen es auch einfach falsche Proportionen bei Diagrammen in seriösen Nachrichtensendungen aus richtigen Zahlen Falsches zu suggerieren.

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