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Lesenswertes: 2000 – 2009

Veröffentlicht am | 31. 12. 2009 | Noch kein Kommentar

Picturing the Past 10 Years Rückblicke auf das vergangene Jahrzehnt gibt’s dieser Tage wie Sand am Meer. Der beste, den ich bisher gesehen habe, ist in der New York Times und kommt so gut wie ohne Text aus: Eine große Grafik mit verschiedenen Kategorien und jeweils einem Bild, das stellvertretend für das Jahr steht. Günter Jauch, der Spiegel oder diverse Blogs können da einpacken.

The Most Memorable Feminist Moments of the Decade Ein Rundumschlag von “DoubleX”, einem Magazin der Washington Post, zu allem was im letzten Jahrzehnt wichtig (aber nicht unbedingt nur positiv) für den Feminismus war. Da steht Angela Merkel neben Aung San Suu Kyi und Conduleeza Rice neben Paris Hilton.

Lieder des Jahres 2009

Veröffentlicht am | 29. 12. 2009 | 1 Kommentar

… zumindest alle, die mir ohne langes Nachdenken eingefallen sind

Placebo – Battle For The Sun:

Phoenix – Listztomania:

Empire Of The Sun – Standing On A Shore:

Florence And The Machine – You’ve Got The Love:

MGMT – Indie Rocker:

Skero – Kabinenparty:

Julien Casablancas – 11th Dimension:

… und nicht zu vergessen das bayerische Liedgut: Der Haberfeldtreiber:

… und gegen Fernweh nach China eine meiner chinesischen Lieblingsschnulzen:

“Politik ohne Werte?”

Veröffentlicht am | 27. 12. 2009 | 3 Kommentare

Die Wertedebatte kommt jedes Jahr wieder, spätestens zu Weihnachten, dem Fest der Liebe und Familie. Doch warum ist der Begriff “Werte” automatisch einen konservativen Beigeschmack? “Wer von “Werten” spricht, hält meist die traditionelle Familie hoch und ein hergebrachtes Frauenbild”, so Robert Misik in seinem Plädoyer im Deutschlandfunk für linke Werte – Werteprogressivismus anstatt Wertekonservativismus.

Politik ohne Werte?“, politisches Feuilleton im Deutschlandfunk von Robert Misik:

Politik ohne Werte? (Anhören nach dem Klick)

Glotzen statt Lesen

Veröffentlicht am | 27. 12. 2009 | Noch kein Kommentar

In ihrem Aufsatz “Selbstgewählte Dummheit” greift Juli Zeh das Thema Bildung auf. Von der allgemeinen Erkenntnis, dass in Deutschland immer weniger gelesen wird und der Körper als Statussymbol dient, schlägt sie den Bogen zu den aktuellen Studentenprotesten der Studenten. Ihr Fazit: Die Gesellschaft hat ihre Prioritäten gewechselt, sowohl auf politischer Ebene (notorische Unterfinanzierung der Bildungseinrichtungen) als auch auf privater Ebene (Warum lesen, wenn man sich auch von RTL berieseln lassen kann?).

Die Umstellung von Köpfchen auf Kröpfchen ist ausnahmsweise nicht den allgegenwärtigen Sachzwängen geschuldet. Sie geschieht freiwillig. Dahinter steht ein Paradigmenwechsel, der die geistigen Qualitäten des Menschen von Platz Eins der Werteskala verdrängt und das materiell Messbare über alles setzt. Exit unberechenbares Rätsel Mensch, enter genormte Biomaschine. Dies ist nicht nur eine Folge des Gottesverlustes, der die Menschen zwingt, in Ermangelung eines Unsterblichkeitsversprechens ihr Heil in der Perfektionierung des Körperlich-Diesseitigen zu suchen. Es ist zugleich Ausdruck der umfassenden Ökonomisierung aller Lebensbereiche, nach deren Gesetzen Zeit niemals mehr als Geld sein kann und kurzfristige Effizienzerwägungen mehr zählen als das längerfristig angelegte humanistische Bildungsideal.

Ein äußerst lesenswerter Artikel einer der wenigen wirklich jungen Intellektuellen, die sich in die gesellschaftspolitischen Diskurse der Bundesrepublik einmischt, hat sie doch schon in “Angriff auf die Freiheit” ein überzeugendes Plädoyer gegen die weitere Einschränkung der Bürgerrechte im Zuge der Terrorismusbekämpfung veröffentlicht.

Downtown damaskus

Veröffentlicht am | 27. 12. 2009 | 1 Kommentar

Es gibt Orte auf der Welt, an die ich unbedingt einmal reisen möchte. Besonders viele davon liegen im Orient; Marrakesch gehört dazu, genauso wie Damaskus. (Ich vermute, das liegt daran, dass ich einen Sommer lang sehr viel Zeit mit Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar und ihren Abenteuern verbrachte). “In meinem Kopf ist ein Bild ist das Bild einer wunderschönen und lebendigen Stadt mit ihren Gerüchen und Farben entstanden”, habe ich über Damaskus geschrieben, nachdem ich “Die dunkle Seite der Liebe” von Rafik Schami gelesen habe. Dass dieser Eindruck nicht nur für das vergangene Damaskus gilt, sondern die Stadt auch heute noch immer faszinierend ist, zeigte mir die Reportage “Die gleichzeitige Stadt” im Souk-Magazin.

damaskus

In einem virtuellen Stadtrundgang kann man die Damaszener Altstadt erkunden. Kleine Reportagen in kurzen Texten, Videos oder Fotostrecken geben Einblick in die alten Märkte (Souks), genauso wie die Jugendkultur und Clubszene im christlichen Viertel. Und natürlich dürfen auch Rafik Schamis Beschreibungen seiner Heimatstadt nicht fehlen, der sich (mal wieder) in Lobeshymnen über seine Heimatstadt äußern kann. Rafik Schami ist im Übrigen ein Künstlername und bedeutet “der aus Damaskus kommt”. Er versteht sich mehr als Geschichtenerzähler, denn als Schriftsteller und steht somit in der Tradition seiner Heimatstadt wie ein Video über den letzten lebenden Geschichtenerzähler in Damaskus zeigt, dessen Zuhörer aber nach einer Erwähnung in der Reisebibel Lonley Planet eher Touristen als Einheimische sind.

Das Souk-Magazin habe vor einigen Monaten entdeckt. “Gesellschaftsmagazin für den Orient” nennt es sich selbst und berichtet über den Krieg in Israel und Palästina genauso wie über das Hamam, das traditionelle türkische Bad. Junge Journalisten aus Deutschland, die hauptsächlich im arabischen Raum leben und arbeiten haben es auf die Beine gestellt und überzeugen mich immer wieder durch Artikel und Reportagen über den Alltag in diesen Ländern. Wer sich für die Welt zwischen Rabat und Kabul interessiert, dem sei dieses kleine, aber feine Magazin ans Herz gelegt.

Foto von Khalid Almasoud

Trash TV

Veröffentlicht am | 23. 12. 2009 | Noch kein Kommentar

Es gibt kaum Unterhaltsameres als einen gut geschriebenen und nachvollziehbaren Verriss. Bestes Beispiel: Michael Bitalas Artikel “Ohne Sinn und Verstand” (warum hat der Text online eine andere Überschrift als in der Printausgabe?) über Herz-Schmerz-Filme der ARD, die in Afrika platziert werden und vorwiegend mit Christine Neubauer besetzt sind. Stereotypen werden in diesen Filmen auf dem Silbertablett präsentiert, der intellektuelle Anspruch an den Zuschauer minimal. Also, here we go:

Wenn nun an diesem Dienstag Christine Neubauer erneut für die ARD in Namibia aufschlägt, um gleich mal den ganzen Kontinent in Beschlag zu nehmen (der Film heißt Meine Heimat Afrika), dann muss man das Offensichtliche gar nicht mehr kritisieren.

(…)

Nein, es geht nicht darum, dass Afrika als Projektionsfläche für Sehnsüchte hergenommen wird, dagegen ist nichts zu sagen, die ganze Tourismusindustrie des Kontinents lebt davon. Und keiner erwartet auch im Unterhaltungsprogramm ein Dokudrama über den Genozid in Ruanda oder über den ewigen Krieg im Ostkongo. Wer so gegen Afrika-Unterhaltungsfilme argumentiert, versteht das Fernsehgeschäft nicht.

Es geht um etwas anderes. Es geht darum, wie schlecht diese und viele andere Degeto-Produktionen sind. Würde man das Niveau als unterirdisch bezeichnen, wäre das zu hoch gegriffen.

Wie die bayerische Mama Afrika stapft sie mit einem Ureinwohner, der perfekt Deutsch spricht, über die Dünen, und nachdem sie immer wieder voller Freude festgestellt hat, dass Afrika in ihr Kräfte freilegt, die sie in Deutschland nicht verspürte – aus welchen Gründen auch immer -, sieht man sie schon breitbeinig auf dem Dünenkamm stehen und “Ich bin Mutter Erde” in die leere Namib-Wüste schreien. Das, zum Glück, haben sich die Drehbuchautoren verkniffen. Dafür wird ihr dann das Gesicht von echten Afrikanern bunt bemalt, und sie darf an einer traditionellen Zeremonie teilnehmen, bei der ebenfalls perfekt Deutsch gesprochen wird. Da fehlt dann nur noch das Baströckchen.

(…) am Ende von “Meine Heimat Afrika” weiß man nicht, worüber man mehr unglücklich sein sollte. Darüber, dass man für dieses sinn- und verstandfreie Werk mit seinen GEZ-Gebühren beigetragen hat, oder darüber, dass man 90 Minuten Lebenszeit vergeudet hat.

Wenn der Film nicht schon gestern gelaufen wäre – ich glaub, ich hätte ihn mir angesehen. Denn der Artikel macht Lust auf Trash-TV.

Josef Hader an der Uni Regensburg

Veröffentlicht am | 11. 12. 2009 | Noch kein Kommentar

Im Vorraum vom Audimax war es schon verdächtig voll. Auch wenn im Zentrum der Uni Regensburg seit Mitte November mehr los ist, seitdem Studenten den Hörsaal H2 besetzt halten und es mit den ganzen Plakten und der Protestlounge wesentlich freundlicher und lebendiger aussieht im Betonbunker, war einer Schlange von 15 Studenten vor der Cafebar schon erstaunlich viel. Am Eingang zum H2 staute es sich. Nachdem ich an der Tür meine Schulbuserfahrung einsetzte, musste ich drinnen feststellen, dass nicht mehr ging. Links, wo eigentlich an der Treppe runter zu den Bänken geht, standen bis zur obersten Stufe Studenten Schulter an Schulter. Sitzen konnte ich also schon mal vergessen. Und einen Blick zu Bühne auch, wie ich feststellen musste, nachdem ich zur rechten Treppe durchgekämpft hatte. Zwischen mir und der Bühne stand eine drei Meter hohe Betonmauer, hinter der er ein schmaler Gang lag. In dem stand ich. Es gab sogar eine Leinwand, habe ich aufgeschnappt, als einer  später erzählte, er habe sich am Beamer seine Arschbacke verbrannt. Der Beamer stand auf der Mauer, auf die so viele gekrackselt sind, dass auch da oben kein Platz mehr freigewesen war. Wie konnte ich nur auf die Idee kommen, bei einem kostenlosen Auftritt von Josef Hader an der Uni Regensburg noch einen Platz zu bekommen, wenn ich gerade noch rechtzeitig zum Beginnn um halb vier ankomme?

Denn Hader ist toll. Er verbindet Kabarett mit Theater und erzählt derb, aber treffend von seiner Scheidung, Vorurteilen oder von der Hölle mit Reinhold Messner.

Die Besetzer haben nach fast einem Monat wieder auf sich aufmerksam gemacht. Diesmal nicht mit Bildungspolitik und Forderungen, sondern in erster Linie bei den Studenten in Regensburg.