Buddha und so
Veröffentlicht am | 08. 03. 2008 | Noch kein Kommentar
Wie ist es in einem land zu reisen, das sich gerade Unabhängig erklärt hat? Wie ist das Leben auf dem Balkan, mitten in Europa und doch genz fern? Ich hätte – theoretisch – die Chance, diese Frage zu beantworten. Denn vor einem Monat habe ich beim Medienwettbewerb “Buddha, Barbie, Bollywood – Chancen und Risiken der kulturellen Globalisierung” mit der Reportage “Cola und Counterstrike” teilgenommen und den 2. Platz erreicht. Damit habe ich eine 10-tägige Reise nach Sarajevo und das Kosovo gewonnen.
Aber ich kann nicht teilnehmen an der Recherchereise, ich bin ja in China. Gestern habe ich mich vor allem gefreut, heute überwiegt die Enttäuschung darüber, Europa nicht besser kennenlernen zu können. Naja, ich werde darüber hinwegkommen…
Cola und Counterstrike
Veröffentlicht am | 08. 03. 2008 | 3 Kommentare
Chinesische Jugendliche unterscheidet äußerlich nicht mehr viel von ihren westlichen Altersgenossen. Geben sie ihre Traditionen auf, um ihr Leben nach der westlichen Kultur auszurichten?
Zhou Zhi Qiang trägt lässig seine Baggyhose knapp unterhalb der Gürtellinie, am rechten Ohrläppchen funkelt ein Stecker, wie ihn amerikanische Rapper gerne tragen. Er zieht sein Handy aus der Hosentasche und schreibt seiner Freundin eine Kurzmitteilung.
Auf den ersten Blick unterscheidet den 17-jährigen nichts von seinen Altersgenossen in Deutschland oder den USA. Doch Zhou Zhi Qiang lebt in Gengma, einer Kleinstadt mit 30 000 Einwohnern in der südwestchinesischen Provinz Yunnan. Die Gegend ist arm, die meisten Menschen arbeiten als Landwirte. Das große Geld wird woanders gemacht, in Beijing oder Shanghai – 3000 Kilometer entfernt. Nur sehr langsam bessern sich die Lebensbedingungen und manche konnten bereits einen bescheidenen Wohlstand erwirtschaften. 80 Prozent der chinesischen Bevölkerung lebt in diesen oder ähnlichen Verhältnissen.
Zhou Zhi Qiang trinkt gerne Cola oder Sprite und sieht sich die Spiele der amerikanischen Basketballliga NBA live im Fernsehen an. Der Sender CCTV 6 überträgt viele Stunden pro Tag amerikanische Spielfilme und in den Werbepausen wirbt McDonalds für sich. Seine Freizeit verbringt Zhou gerne in Internetcafés. „Ich spiele gerne Counterstrike”, sagt er hastig, während er auf seine Tastatur einhackt und mit einem Maschinengewehr einen Mitspieler tötet. Andere der rund 100 Jugendlichen im Raum verbessern ihre Helden im Spiel World of Warcraft oder chatten mit ihren Freunden per Webcam.
Geprägt von Traditionen
Haben sich chinesische Jugendliche ganz der westlichen Kultur angepasst? Gleichen sie vollkommen ihren Altersgenossen in Deutschland, Frankreich oder den USA? Nein, denn westliche Kultur bedeutet mehr als Cola und Counterstrike. Sie ist geprägt vom Zeitalter der Aufklärung, dem kritischen Hinterfragen und rationalem Denken. Doch das Leben junger Chinesen ist bestimmt vom Konfuzianismus und dessen Tugenden: Disziplin, Fleiß und Gehorsam gegenüber Ältern.
Die Schule lehrt das Hinnehmen von Zuständen, eigenständiges Denken wird nicht gefördert. „Die Schüler sind es nicht gewöhnt, sich mündlich am Unterricht zu beteiligen”, erzählt Benjamin Krafft, der als Englischlehrer an der Mittelschule in Gengma arbeitet. „Oft müssen sie nur Texte abschreiben und Prüfungen werden als multiple choice tests gestellt. Den Lehrern wird grundsätzlich nicht widersprochen.”
Von den Freiheiten deutscher Jugendlicher können junge Chinesen nur träumen. Freizeit? Die ist knapp bei Unterricht an sechs Tagen der Woche von halb acht Uhr morgens bis zum Teil 22 Uhr abends. Weggehen und Party machen? Höchstens im privaten Rahmen. Eine Beziehung haben? Niemals! Die chinesische Sexualmoral ist sehr konservativ. „Wüssten die Lehrer, dass eine Mitschülerin meine Freundin ist, würden sie sofort meine Eltern benachrichtigen”, sagt Zhou Zhi Qiang, „und das gäbe richtig Ärger.“ Wenn er mit seiner Freundin alleine sein will, müssen die beiden in ein Hotel gehen. „Aber das können wir uns nur selten leisten.“
Äußerlich mögen sich junge Chinesen dem Westen angepasst haben, doch im Alltag gibt es viele Unterschiede. „Die Jugendlichen stehen immer unter Beobachtung der Eltern, Lehrer und des totalitären Staates“, berichtet Krafft. Wichtige Werte des Westens, die Freiheit des Einzelnen und das Recht der freien Meinungsäußerung, spielen in China nur eine untergeordnete Rolle – das Ergebnis jahrhunderteralter Traditionen.
Zum Bespiel das Internet: Fast 130 Millionen Menschen sind regelmäßig online und Chinesisch hat Englisch als die am meisten genutzte Sprache im Netz bereits abgelöst. Doch die Great Firewall, die Zensur von unliebsamen Webinhalten durch das kommunistische Regime, schränkt die Freiheit massiv ein. Über die Studentenrevolte 1989 in Beijing oder die Unabhängigkeitsbestrebungen Tibets kann sich Zhou nicht informieren.
Westlicher Lifestyle
Chinesische Jugendliche übernehmen nicht die westliche Kultur an sich, sondern nur ihren Lifestyle und den Konsum. Sie kleiden sich wie ihre Altersgenossen in Berlin oder London, kommunizieren wie sie mit Mobiltelefonen und nutzen den Computer. Doch sie geben ihre kulturellen Wurzeln nicht auf. Einer Umfrage aus dem Jahr 2000 stimmten 50 Prozent der befragten chinesischen Jugendlichen dieser Aussage zu: „Die chinesische und westliche Kultur haben beide Schwächen und sollten sich miteinander entwickeln, damit die eine von der anderen lernen kann.“
Zhou Zhi Qiang ist mit vielen Traditionen nicht einverstanden, doch er nimmt sie als gegeben hin. Dennoch ist er stolz auf die chinesische Kultur und Geschichte. „Denn Kultur gibt uns Identität in einer Welt, die sich immer ähnlicher wird“, ist er sich sicher und trinkt einen Schluck Cola.
[Diese Reportage habe ich beim Medienwettbewerb Buddha, Barbie, Bollywood eingereicht.]
Verrostet
Veröffentlicht am | 08. 03. 2008 | 1 Kommentar
Es war an einem Sonntagnachmittag vor etwa 12 Jahren. Ich bummelte mit meinem Papa beim örtlichen Kirta und er hatte mir versprochen, dass ich mir bei einem dieser tollen Stände voller Süßigkeiten und Spielzeug ein Geschenk aussuchen dürfte. Doch anstatt einem Ball oder einem Schokospieß wollte ich ein schweizer Taschenmesser. Mit 20 Mark überstieg der Preis deutlich die Vorstellung meines Vaters und es brauchte einge Überredungskunst und den einen oder anderen Augenaufschlag, denen Väter grundsätzlich nicht widerstehen können, um es zu bekommen.
Und dann war es meins: Rot natürlich mit dem obligatorischen weißen Kreuz, mit Messer, Schere und Schraubenzieher. Ideal für Erkundungstouren im Wald oder sich-erwachsen-fühlen. Ich war zu schwach die Klinge herauszuziehen, mir brachen Fingernägel und ich zwickte die Haut in die Zischenräume ein. Doch mit der Zeit bekam ich das Gefühl dafür wie ich meinen Fingernagel einsetzen musste (ich ließ ihn mir sogar kurzzeitig dafür wachsen).
Irgendwann erlosch mein Interesse daran. Als ich umzog, vom gemeinsamen Kinderzimmer mit meinem Bruder in meine eigenen vier Wände, habe ich das Taschenmesser wieder gefunden: Verrostet in der hintersten Ecke des Schreibtisches.
Fehlender Realismus bei der bayerischen SPD
Veröffentlicht am | 07. 03. 2008 | Noch kein Kommentar
Franz Maget, der wohl optimistische Politiker in unseren Landen und das, obwohl er der Franktionsvorsitzende der SPD im bayerischen Landtag ist, sprach von einem “fantastischen Ergebnis für die SPD in Bayern” bei den Kommunalwahlen am 3. März. Warum behauptet er das? Muss ich an seiner Auffassungsgabe zweifeln, oder was bitte ist so lobenswert an einem Rekordtief von 22,6 Prozent der Stimmen?
Natürlich konnte Christian Ude in München seine Bürgermeisterwahl gewinnen und auch in Nürnberg und Fürth gewannen die Kandidaten der SPD. Und ja, in Passau muss der amtierende Zankl in die Stichwahl gegen den roten Dupper. Doch das sind alles Erfolge in Städten. Wie sieht es auf dem in Bayern zwar nicht ganz so flachem Land aus? Dort verkommt die SPD zu einer Splitterpartei!
Es ist schon eine Tragödie mit der SPD in Bayern. Sie können tun, was sie wollen – Erfolg werden sie nicht haben. Django Asül drückte seinen Finger bei der Nockherbergrede 2007 genau in diese Wunde: “Erfolg – ein Fremdwort für die SPD in Bayern.” Und dann träumen die Spitzen der BayernSPD sogar vom Ende der absoluten Mehrheit der CSU im Landtag.
Eine Binsenweisheit: Eine Kommunalwahl ist keine Landtagswahl. So einfach ist es. Das sieht auch der Landesgruppenchef im Bundestag Florian Pronold, mit dem ich für politikorange ein Interview geführt habe, so: “Die Menschen schauen bei Kandidaten für Kommunalwahlen darauf, was die Personen tun und wie sie rüberkommen. Bei Landtagswahlen ist die politische Grundausrichtung viel wichtiger. Deshalb läßt sich ein Erfolg bei Kommunalwahlen nicht so leicht auf die Landesebene übertragen. Trotzdem wollen wir den Schwung des Erfolges mitnehmen für die Landtagswahl.” Das sagte er vor den letzten Kommunalwahlen. Doch welchen Schwung wollen sie nach dieser Niederlage mitnehmen?
In den Stadträten und Kreistagen im Freistaat sind neben den allgemein bekannten CSU, SPD, GRÜNEN und der FDP, natürliche viele freie Wählergruppe, die Bayernpartei, die ödp und hin und wieder lässt sich leider sogar ein Republikaner finden. All diese Gruppen und Parteien gehören meist den konservativen Spektrum der Parteienlandschaft an, die bei den Landtagswahlen, bis auf wenige Ausnahmen, nicht antreten.
Wen wählt der konservative Bayer dann? Die christlich-soziale Union natürlich. Und vom Ende der absoluten Mehrheit ist man dann wieder weit entfernt.
Die einzige Chance, die CSU aus der Regierung zu drängen oder zumindest zu einer Koalition zu zwingen, ist nur möglich, wenn eine vierte Partei in den Landtag einzieht, schließlich gingen 12 Prozent bei den Wahlen 2003 an andere Parteien. Potenzial wäre theoretisch da. Doch welche Partei könnte in das Maximilianeum als vierte Partei einziehen? Die LINKE hat in Bayern keine Chance. Es bleiben die FDP, die öpd und die Freien Wähler.
Die FPD ist seit 1994 nicht mehr im Landtag vertreten. Die ödp ist eine gesichtslose Partei mit ökologischem Anliegen und konservativer Grundeinstellung. Die Freien Wähler strebt den ersten Landtagseinzug an und wäre zu einer Koalition mit der SPD und den Grünen bereit.
Könnte die Sensation im Herbst eintreten? Ich denke kaum, denn trotz der Turbulenzen um Stoiber und den Kämpfen um den Parteivorsitz zwischen Huber und Seehofer im letzen Jahr, sieht die Mehrheit der Bayern keine Alternativen neben der CSU. Auf Kommunalebene hat die CSU ihre Alleinherrschaft schon verloren, aber ich befürchte, dass dies auf Landesebene frühestens bei den Landtagswahlen 2012 möglich ist.
So sehr ich also auf eine rasche Änderung der Machtberhältnisse im schönen Bayern hoffe, realistisch gesehen muss ich darauf noch ein paar Jahre warten. Da wird auch ein “Raketenwahlkampf ” der SPD nichts nützen.
