30. Juli 2007 5

Tschechien: Billiges Benzin und Nutten?

Von katha in Politisches

Niederbayern und die Oberpfalz wollen nicht mehr Ostbayern heißen. Der Tourismusverband Ostbayern soll in Tourismusverband Niederbayern und Oberpfalz umbenannt werden und das Südostbayerische Städtetheater ist auf Namenssuche. Hinter dieser Entwicklung steht auch die Bevölkerung. Einer Radioumfrage nach lehnen 89 Prozent den Begriff “Ostbayern” ab. Er erinnere zu sehr an Ostzone, Ostmark (Gau im Nationalsozialismus) und Ost-Sibirien. (Quelle: SZ vom 24.7.07 )

czdMeines Erachtens geht die Ablehnung nicht nur gegen diese negativ besetzten Begriffe aus der Vergangenheit, sondern gegen den Osten an sich. Was ist der Osten? Asien? Russland? Nein, in Ostbayern ist der Osten Tschechien. Und damit will der gutbürgerliche Bayer nichts zu tun haben. Denn die Tschechen, das weiß ja jedes Kind, sind sowieso alle faul und kriminell noch dazu.

Das sieht jeder, der mal einen Ausflug ins Nachbarland macht: Einen Kilometer nach der Grenze nichts als Vietnamesenmärkte mit gefälschter Ware. CDs, DVDs, Dolche&Gabbana-Klamotten, Zigaretten. Und dazu ein paar grell geschminkte Frauen am Straßenrand. Sie tragen in Röcken, die kaum den String bedecken, und blasen dem treusorgenden, bayerischen Familienvater für 20 Euro einen. Grundsätzlich gibt es für den Bayern nur zwei Ausnahmen in diesem Elend jenseits der Grenze: Krumau (“Da wirkt alles so italienisch”) und Prag (“Der Tagesausflug kostet nur 45 Euro, inkl. Karlsbrücke und Kafka-Geburtshaus und ein uriges Wirtshaus mit billigem Bier”).

Diese Haltung breiter Bevölkerungsschichten bestätigt nur das, was den Politikern eigentlich insgeheim schon lange klar sein sollte: Die Vorteile der EU-Osterweiterung sind in den Köpfen der Ostbayern (und sicherlich nicht nur diesen) noch lange nicht angekommen. Noch immer sind die Tschechen die Schuldigen für die Arbeitslosen in der strukturschwachen Grenzregion. Doch halt: Welche Arbeitslosen? Im Landkreis Freyung-Grafenau am östlichen Zipfel Ostbayern/Niederbayerns, traditionell dem Armenhaus Deutschlands, suchen nur 4,9 Prozent der Arbeitsfähigen einen Job. Auch im Bayerischen Wald boomt also die Wirtschaft – trotz der Tschechen, die doch angeblich in Scharren über die Grenze kommen und dem braven Deutschen die Arbeit mit Dumping-Löhnen wegnehmen.

Wieso lehnen die Deutschen Tschechen so ab? Die Gründe müssen in der Geschichte gesucht werden. 50 Jahre lang trennten Grenzen mit Selbstschussanlagen Ostbayern und Tschechien. Nach Jahrhunderten des Zusammenlebens und des Handels existierten zwei Generationen voneinader nebeneinander, aber dennoch isoliert. Das hat natürlich Nachwirkungen: Die Nationen entfremden sich. Dazu kommen die Sudentendeutsche, die der alten Heimat nachtrauern und gleichzeitig die Tschechen, die ihnen das angetan haben, verdammen. Und so ihre Kinder beeinflussen. Doch nach der Öffnung der Grenzen waren sie es, die als erste wieder ins Nachbarland fuhren und die Orte ihrer Kindheit besuchten. Sie waren es, die als erste, zaghafte Kontakte aufnahmen.

Doch langsam ist eine Veränderung spürbar. Schüler belegen Tschechisch-Sprachkurse an den Schulen, die Kontakte zu tschechischen Partnerschulen werden intensiviert und die Regionen Bayerischer Wald (D), Böhmerwald (CZ) und Unterer Inn (Ö) haben sich zur Euregio zusammengeschlossen, die “grenzüberschreitende Völkerverständigung, wo früher Schlagbäume standen” zum Ziel hat. Die Politiker (zumindest die auf EU-Ebene) erkennen, dass ein Kirchturmdenken in einem vereinten Europa keine Zukunft hat. Tschechien wird zum gleichberechtigten Partner und ist nicht mehr das minderwertigere Nachbarland mit dem billigen Benzin.

Trotzdem wird es noch einige Jahrzehnte dauern bis das Verhältnis vorurteilsfrei oder doch zumindest respektvoll sein wird. Die zarten Annäherungsversuche der letzten Zeit spiegeln leider noch immer nicht die Stimmung vor Ort wieder. Sprüche und Witze auf Kosten der Tschechen sind an der Tagesordnung.

Es liegt an uns, der Jugend, etwas zu Verändern! Wir müssen den Mut aufzubringen nach Tschechien zu Reisen anstatt nach Italien. Ein Praktikum in Prag zu machen anstatt in London. Tschechisch als Fremdsprache zu wählen anstatt Spanisch. An Tschechien mehr zu sehen als die Schwarzmärkte und die Prostitution in den ersten Kilometern jenseits der Grenze.

Wir sind es, die unsere Zukunft gestalten. Lasst uns so handeln, damit wir, Deutsche und Tschechen, nicht nur wirtschaftliche Vorteile aus der europäischen Einigung ziehen, sondern auch Menschliche!

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5 Kommentare zu “ Tschechien: Billiges Benzin und Nutten? ”

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  1. Zielgruppenanalyse - schafott.blog 15. August 2007 um 21:39

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